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Tsunami im Tigerentenclub

reticon-Report von Ralf Kellershohn -- [13.03.2011]

1. Berichterstattung
Samstagmorgen, 7 Uhr. Fernseher an: Was ist los in Japan? Die mit einem Etat von gut 7 Milliarden Euro ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Sender informieren mit ihrem weltweiten Korrespondentennetz bestimmt gut und nonstop. Aber was läuft? ARD: Tigerentenclub! ZDF: Bibi Blocksberg!

Grüner SpargelAllein der wegen seiner permanenten Nazi-Dokus und Industriefilme über Waffensysteme zu ignorierende N24 gibt Gas und schleift einen Experten nach dem anderen ran: Atomexperten, Seismologen, Japanologen, Mitglieder des International Search and Rescue Teams, sendet Live Bilder aus dem japanischen Fernsehen, die parallel übersetzt werden undundund.

Immerhin ARD Programmchef Herres reagiert: "Wg. aktueller Entwicklung in Japan - Jubiläumsshow „30 Jahre " Musikantenstadl wird heute aus dem Programm genommen."

2. Spin
Jetzt, da auf allen Sendern in den kommenden Stunden und Tagen die Worte "Atom" und "Kernkraft" in Verbindung mit den Begriffen "Katastrophe", "Unglück", "Gefahr", "Risiko", "Krankheit", "Eindämmen" u.v.a. verwendet werden, kann man sich ungefähr die Kernschmelze in der PR Abteilung der Atom-Lobby vorstellen.

Nachdem diese seit Jahren eine Verschiebung der Wortfelder versucht und von Kernenergie, statt von Atomkraft spricht, neue Wörter wie Brückentechnologie entwickelt und CO2-Neutralität als Hebel für ein Re-Branding der Kernkraft entdeckt (Slogan "Klimaschützer unter sich"), wirft die Japanische Katastrophe die Branche kommunikativ um Jahrzehnte zurück.

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3. Media Amnesia
Jetzt, da der Medienmob sich auf Japan stürzt, fragt sich Guttenberg vielleicht, ob er nicht einfach 14 Tage länger hätte aushalten sollen. Dabei war klar, dass wenn der letzte Ton des Zapfenstreich verklungen sein würde (Wann werden Bundeswehrorchester endlich vor den einfältigen Musikwünschen abtretender Politiker geschützt?), sich schon keiner mehr für die gefälschte Doktorarbeit interessieren würde.

Die mediale Halbwertzeit für einen kontinuierlichen Vorgang liegt bei maximal sechs Wochen. Ob Jugendliche S-Bahn-Schläger, Vogelgrippe, Haiti, Indonesien oder Dioxin-Futtermittel. Nach einer Weile nutzen sich die Bilder und Überschriften ab und ein neuer Aufmacher muss her.

Und im Windschatten der medialen Aufmerksamkeit kann Gaddafi in Ruhe bomben.

Und in wenigen Wochen beginnt wieder die Spargelzeit.

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