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reticon Bildung und Neue Medien
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reticon-Report von Ralf Kellershohn -- [08.03.2007]

[Update 11. März 2007 / 9:36]

Lieber Tanjev Schultz,

die PR-Verantwortlichen der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) können sich gegenseitig auf die Schulter klopfen. Mit ihrer Pressekonferenz zur Veröffentlichung einer neuerlichen Studie ihres "Aktionsrates Bildung" hat sie es auf den Titel der auflagenstärksten, meinungsbildenden, überregionalen Tageszeitung geschafft.

Bild: www.sxc.huAufruf zu radikaler Bildungsreformkläfft es einem vom Titel entgegen. "Führende deutsche Bildungsforscher verlangen einen revolutionären Umbau des Bildungssystems." Heute wurde in einer Pressekonferenz ein im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) erstelltes Gutachten vorgestellt. In dem Artikel, der sich wie eine brav paraphrasierte Pressemitteilung liest, führen Sie, profilierter Redakteur der SZ zum Thema Bildung, gewissenhaft auf, was der "Aktionsrat Bildung", dem "sieben namhafte Professoren" (Achtung! Autorität! Objektivität! Kompetenz!) angehören, fordert.

In vorauseilender Vorwegnahme stenographiert die SZ die vermutlich von Lenzen geäußerte Erwartung, dass die Forderungen "wohl auf massiven Widerstand der Lehrerverbände stoßen" werden. Damit sind schon mal die Rollen klar verteilt: Modernisierer hier - Blockierer dort.
Auch der Focus baut das Bild eines mutig gegen "übermächtige Interessenvertreter" antretenden "Hier stehe ich, ich kann nicht anders"-Bildungs-Lutherismus auf: "Ohne politische Rücksichtnahme will der neu gegründete „Aktionsrat Bildung“ künftig seine bildungspolitischen Empfehlungen formulieren und damit den Reformdruck im Bildungsbereich erhöhen." Ach, wie tapfer, bayerische Wirtschaft. Man wünscht Dir viel Beistand und den Politikern, die sich den grimmigen Gegnern stellen, viel Mut, so die SZ.

So weit, so PR.

Enttäuschend ist, dass Sie sich nicht die Mühe gemacht haben, die Erklärungen einzuordnen, die Programmlinie auf der das Wirken des "Aktionsrats Bildung" steht zu recherchieren und analysieren oder alternative Positionen einzubeziehen. Stimmen anderer Hochschullehrer, Forschungsinstitute oder Verbände sucht man vergebens. (Dass dies aber durchaus geht zeigt der Bayerische Rundfunk.)

Dabei lernen Schülerinnen und Schüler in der ach so reformbedürftigen Schule heute bereits in der achten Klasse im Rahmen der obligatorischen Unterrichtsreihe "Zeitung" quellenkritische Lektüre. Wer ist der Urheber einer Meldung oder Verlautbarung? Welche Ziele verfolgt dieser? Man muss nicht promovierter Medienwissenschaftler sein um zu wissen, dass eine von einem Verband in Auftrag gegebene Studie kaum beanspruchen kann, objektiv zu sein.

Insbesondere die Verlautbarungen des "Aktionsrates Bildung" um Dieter Lenzen spielen auf der Partitur eines ganz speziellen, utilitaristisch verkürzten Bildungsbegriffs. Vor drei Jahren war Dieter Lenzen bereits schon einmal mit einer Studie (im Auftrag der vbw und mit der Prognos AG) in Erscheinung getreten. "Bildung neu denken! Das Zukunftsprojekt" hieß das Opus.

In dieser Studie wird "Leben" von den Machern verkürzt als "Berufsleben" gedacht, "Menschsein" als "Berufstätigkeit". "Bildung" folglich als "Berufsbildung", bzw. Bildung zum Beruf. Bildung ist das Gesamt der Maßnahmen zur Herstellung der Verwendungs- und Einsatzfähigkeit des Einzelnen in einem beruflichen Kontext (+ der Herbeiführung bestimmter Dispositionen und Wertvorstellungen, Manieren, Geschmäcker etc. die dem konservativen Verständnis entsprechen).

Bild: www.sxc.huBildung, die nicht auf Arbeit und Beruf (das "wirkliche" Leben im Gegensatz zum nicht-wirklichen vergeistigenden Theorie) bezogen ist, ist chimärisch ätherisches Hybridwissen: "Bildung darf nicht im leeren Raum stattfinden, sondern muss sich am Vollzug des Lebens, der Arbeit und des Berufes orientieren." heißt es in der Studie auf S.5. "In allgemeiner und arbeitsorientiert Bildung müssen unternehmerische Qualifikationen vermittelt werden (...) Unternehmerische Qualifikationen sind mit Schlüsselqualifikationen teilweise kongruent." (S.11)

Wilhelm III hat es 1840 in seiner Rede "Über Volksbildung und Schule" nicht anders formuliert: "Die Cultur der Intelligenz nach allen Richtungen durch Volksschulen ist nicht zu tadeln; aber sie darf nicht das höchste, nicht das letzte Ziel sein. Auf Tüchtigkeit im Berufe, Charakter und Leben, darauf, darauf allein, kommt zuletzt alles an." und an anderer Stelle "Man erzeigt aber ihm [dem Menschen, RK] und der menschlichen Gesellschaft keine Wohlthat, wenn man über die Grenzen seines Standes und Berufes hinaus ihn belehrt, und ihm Kenntnisse beibringt, die er nicht braucht, und Ansprüche und Bedürfnisse anregt und weckt, welche zu befriedigen seine Lage nicht gestattet. Alles kann der Mensch doch nicht lernen, dazu ist des Wissenswürdigen zu viel, und das Leben zu kurz. Jeder lerne nur gründlich und ganz, was er für seinen Beruf wissen muss. Das Mehr ist für den Lebenszweck nicht förderlich, sondern störend und hinderlich. Es nimmt und verdrängt die Ruhe, Gelassenheit und Beschränktheit, die alle mechanischen Berufsarten, wenn sie gelingen sollen, verlangen und voraussetzen."

"Entrümpelung" und Straffung des Curriculums wird also in flotter Flyer-Prosa gefordert. Unnötiges Orientierungswissen raus, notwendiges Handlungswissen rein: Satz des Pythagoras nur noch für angehende Ingenieure, für den Rest Buchhaltung, Bilanz- und Rechnungswesen statt Kurvendiskussion, die niemand, der nicht Physik studiert, benötigt. Systemadministration statt Musik und Kunstunterricht.

Willkommen in den Vereinigten Staaten von Siemens & CO, wo man am BMW-Gymnasium sein Abitur macht. Dort wird keine Zeit mit Musik, Lyrik oder Philosophie vertan, sondern Deutsch als Rechtschreibung, Mathematik als Bilanz- und Rechnungswesen, Physik als Maschinenbau und Informatik als WORD-können betrieben. Solchermaßen vorgebildet wird dann an der Deutsche-Bank-Universität studiert.

Mit solchen Konzepten ist vielleicht Wirtschaft zu machen (obwohl auch diese Vorstellung mehr als kritisch diskutiert werden dürfte – der "Knowledge-Worker" der selber Innovationsmotor seines Bereichs ist, wird mit einem derart funktionalistischem Bildungsbegriff nicht hervorzubringen sein. Dies zeigt, dass der Begriff wirtschaftlicher Reform und Innovation beim vbw immer in einem Korsett bajuwarisch-katholischen Wertkonservativismus und einer begrenzten Vorstellungsfähigkeit über die Verfasstheit des wirtschaftende Subjekts eingestellt ist.), aber mit Sicherheit kein (demokratischer) Staat.

Dass die Süddeutsche Zeitung die Forderungen eines Verbands mit sehr einseitigen Interessen und einem für jede/n Pägagogikstudentin/en im Grundstudium erkennbar fragwürdigen Bildungsbegriff kritiklos abdruckt und nachbetet  ("Seine Empfehlungen verdienen schon deshalb Gehör, weil sie so etwas sind wie der Rat der sieben Weisen aus der Bildungsforschung." kommentieren Sie, ohne die Möglichkeit zu berücksichtigen, dass man in der wissenschaftlichen und allgemeinen Öffentlichkeit über die „Weisheit“ der sich in diesem Bündnis betätigenden Wissenschaftler durchaus geteilter Meinung sein kann.), ist mehr als bedauerlich.

Mit freundlichem Gruß
Ihr
Ralf Kellershohn

Lesen Sie zu dem Thema
Den Aufmacher Aufruf zu radikaler Bildungsreform in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung
Den Kommentar Anreize für Schulen in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung
Stellungnahme der GEW zum Gutachten des „Aktionsrates Bildung“
Den reticon-report Theorie der Bildung des Menschen
Die Zusammenfassung der Studie "Bildung neu denken! Das Zukunftsprojekt" der vbw als PDF
Nur Eignung und Leistung sollen zählen in der Online-Ausgabe des Focus
"Aktionsrat Bildung" fordert radikalen Umbau beim Bayerischen Rundfunk
"Das Mega-Thema" Interview mit Dieter Lenzen in der Online-Ausgabe der Zeit
Der Rat des Bockes Kommentar in der Online-Ausgabe der Faz

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