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reticon: radio aporee ::: maps ermöglicht es Usern, selbst aufgenommene Töne über Google Maps lokalisiert ins Internet zu laden. Ist das die akustische Ergänzung zu Google Streetview?
Udo Noll: Nein. Bei den aporee maps geht es nicht um die authentische Aufzeichnung vermeintlich objektiver Klangorte und deren kartographischen Lokalisierung. Bei den aporee maps ist das Spannende, den individuellen Zugang zur Welt zu erfahren. Es gibt himmelweite Unterschiede zwischen dem, was die Einzelnen aufhorchen lässt.
reticon: Wie bist Du auf die Idee zu den aporee maps gekommen?
Udo Noll: Die Idee ist im November 2006 aus einer Unzufriedenheit heraus entstanden. Ich war schon immer ein Fan des Radio und hatte immer wieder mit Sounds experimentiert. Lange dachte ich darüber nach, wie man die unmittelbare Umgebung irgendwie zum Sprechen bringen könnte. So habe ich die aporee maps im Januar 2007 einfach gebaut. Nachdem das dann eine Weile brach lag, erzählte ich Freunden davon. Die waren davon begeistert und fingen an, Sounds zu schicken. Da hatte aporee gleich lebensverändernde Wirkung entfaltet: Sie kauften sich Mikrophone und planten einen guten Teil ihres Tages für das Aufnehmen und Hören der Aufnahmen ein.

Reticon: Zudem verändert radio aporee ::: maps doch sicher die Perspektive. Man geht mit einem anderen Blick, bzw. mit einem anderen Ohr in die Welt.
Udo Noll: Auf jeden Fall. Das hört man auch an den verschiedenen akustischen Perspektiven auf den Maps. Faszinierend finde ich die unbekannten, noch nie gehörten, oder SO noch nie gehörten Dinge. So gibt es auf den Maps Aufnahmen, wie die, eines Users aus Taipeh. Der hat die Störung einer Leuchtstofflampe aufgenommen. So ein kleines, klickerndes, britzelndes Geräusch. Großartig! Man kann sich das richtig vorstellen: Es ist nachts um 3, man kann nicht schlafen, hat irgendwelche Dinge im Kopf und man hört die ganze Zeit diese elektrische Störung. Ein Geräusch, das man so nie gehört hätte.
Und das ist einer der Hauptgründe, warum ich das mache: Das Hinhören, die Neugier, so eine Art "Auffaltung der Lebensräume" und natürlich auch das Spiel mit der Karte.
reticon: Welche Funktion hat die Karte?
UN: Zunächst ist sie ein Hilfsmittel, um die Sounds zu verankern. Aber in einem erweiterten Sinn finde ich es spannend, wie durch die Überlagerung zweier exakt scheinender Formen – der Wirklichkeit dokumentierenden Tonaufnahme und der Wirklichkeit abbildenden Kartographie – auf einmal Unschärfen und Zwischenräume entstehen.
reticon: Inwiefern?
UN: radio aporee ::: maps schafft den Rahmen für seltsame Unorte: Zwar kann man mit Google Maps sich kartographisch an die Orte sehr dicht annähern. Gerade in Großstädten kommt man ja ganz schön nah ran. Aber immer bleibt man so gefühlte 20 Meter über den Dächern kleben, selbst bei großen Auflösungen. Das reicht nicht, um der Intimität einer solchen Aufnahme Genüge zu tun. Somit gibt es diesen Zwischenraum zwischen dem visuellen Heranrücken und einem sehr intimen, aus dem Inneren von Etwas heraus kommenden Klang. Und genau in dieser Lücke liegt eine Anziehung und Kraft des Projekts. Dass man da etwas mit unglaublicher Präzision zu sehen meint, sich aus dem Weltall in den Schornstein eines Hauses zoomt, aber letztlich doch darüber bleibt, in einer ganz groben Übersicht und nichts weiß. Und dann kommt da ein extrem präziser Klang, der vielleicht schon wie die Proust’sche Madeleine als Geruch in die Nase steigt. Das passiert – wie gesagt – nicht immer. Manchmal gibt es Klänge, die den Charakter eines Fotos, einer Postkarte haben. Aber so sind die Aufnahmen zumeist nicht. Es sind sehr oft sehr spezielle Aufnahmen und die haben diese Faszinationen des nicht-in Deckung-zu-Bringenden. Man hört etwas aber es bleibt fremd und damit offen für Assoziationen und eigene Interpretation.
Reticon: Die Karte ist also nicht nur die Fläche an der man die Akustik verankert?
Udo Noll: Nein. Sie ist wie gesagt das Gerüst, an dem die Sounds aufgehangen sind. Aber interessanter ist die Kartographie an sich. Diese Wissenschaft der kontinuierlichen und zunehmenden Perfektionierung verspricht ja ein genaues Abbild der Welt zu liefern. Und damit spiegelt sich in dieser Disziplin, wie in vielen anderen auch, der Entwicklungsprozess menschlicher Vernunft und Wissenschaft: Die Menge und Qualität dessen, was man weiß, nimmt zu. In unseren wissenschafts- und fortschrittskritischen Zeiten sind wir durch einige Rückschläge zwar schon etwas skeptischer geworden, aber bis zum 20. Jahrhundert ist die geläufige Lesart der Menschheitsgeschichte doch eine Erfolgsstory. Und das ist in der Kartographie auch ablesbar: Wie die dunklen Stellen des Unbekannten in der Wissenschaft verschwinden, wurde auch der unbekannte, nicht kartographisch aufgezeichnete Raum in den Jahrhunderten kleiner. Die unbekannten, dunklen und darum auch nicht aufgezeichneten Räume weichen zurück und werden zunehmend von Eroberern, Forschern und Seeleuten im Wortsinne er-fahren. Sie wandeln sich damit von mit Ängsten und Fantasien aufgeladenen dunklen Räumen zu kartografierten und dadurch beherrschbaren Flächen.
Anfangs gab es zwei Arten von Karten. Es gab die Mappa Mundi. Das waren Weltkarten, die im wesentlichen Weltanschauungskarten waren und eine bildliche Orientierung über das offiziell herrschende Welt-Bild gaben. Und es gab die Gebrauchskarten der Seefahrer, so genannte Portolane.
Die Weltkarten waren eigentlich Behälter für weltanschauliche, religiöse Orientierung im Sinne von Hinwendung zum Orient als dem Ort der aufgehenden Sonne aber auch als Ort der Erkenntnis, der Erleuchtung und des Heils. Da ist schon eine christliche Konnotation dabei, was man z.B. daran ablesen kann, dass alte Karten die Welt als Körper Christi zeigen: der Kopf im Osten, wobei Osten sich oben auf der Karte befindet, als da, wo wir heute Norden auf den Karten finden. In der Mitte, auf Bauchnabelhöhe befindet sich das neue Jerusalem, das vom Himmel herabkommt und die Erlösung und die Verdammnis bringt. An den Rändern dieser Karten findet man dann unglaubliche Wesen, einäugige, dreiköpfige Riesen, Zwerge, Monster – Symbole für unbestätigtes Wissen.
(Bild: SXC/theswedish)
Reticon: Die Ränder der alten Karte beschreiben also die Grenzen des Wissens, des Bekannten?
Udo Noll: Genau. Die Portolane hingegen waren Karten, ohne Vorzugsrichtung. Sie boten also keine Orientierung in dem Sinne der Weltanschauungskarten. Sie dienten eigentlich zu dem Zweck, den wir heute unter Orientierung verstehen. Sie sind durch die Erzählungen der Seefahrer, die von ihren Reisen zurückkamen, entstanden.
Die großen Kartenverlage saßen damals in den Häfen und haben die Seefahrer gegen die Ausgabe von Alkohol und Kleingeld überredet, von ihren Reisen zu berichten –von Seeungeheuern genauso wie von Klippen, nautischen Problemen und Küstenverläufen. Und so wurden die Karten in einer permanenten Entwicklungsarbeit nach und nach verbessert. Aus dieser Geschichte sind die großen Kartenverlage entstanden.
Die Google Map dagegen ist eine hochproblematische Karte. Meine zwölfjährige Tochter wächst mit Google Maps auf und nimmt selbstverständlich an, dass das, was man da sieht, die Wahrheit ist: SO ist die Welt. Google vermittelt ein sehr verbindliches Bild der Welt. Dabei wird ausgeblendet, dass man hier einen bestimmten Ausschnitt präsentiert bekommt und die Auswahl des Ausschnitts nicht kontrollieren kann.
Reticon: Was nicht auf Google zu finden ist, gibt es nicht?
Udo Noll: Es gerät aus dem Blickfeld und damit in einen seltsamen Bereich des Nichtexistenten, obwohl es vorhanden ist. Die Konflikte zwischen dem Virtuellen und dem Realen stecken auch in dieser ganzen neuen Kartographie drin.
Und wenn man sieht, wie sich von Anfang an die Begriffe der Navigation für das Internet verwendet werden – man surft durch das Netz; der "Navigator" war der erste Browser auch mit dem Symbol des Steuerrads – da wird schon erkennbar, dass man, indem man das Internet benutzt, sich auf eine Fahrt in unbekanntes Territorium begibt, in dem es dann doch auch wieder um Weltanschauung geht.
Diese Fragen spielen für mich bei den aporee maps eine große Rolle: Inwiefern bilden Karten die Wirklichkeit ab? In welchem Verhältnis stehen Zeichen zu Wirklichkeit? Auf welche Weise formen und normieren Zeichen und Symbol die Wirklichkeitswahrnehmung?
reticon: Kann man sagen, dass durch die Dimension von Klang der vermeintlichen Eindeutigkeit eines Ortes auf der Google Map eine Mehrdeutigkeit wieder geschenkt wird?
Udo Noll: Auf jeden Fall. Einmal weil sich durch die Zeit „akustisch-historische“ Schichten bilden, wenn beispielsweise an ein und demselben Ort immer wieder Aufnahmen gemacht werden. Zum Anderen entsteht eine Mehrdimensionalität durch den individuellen Blick, bzw. das individuelle Ohr, die Auswahl, die die Aufnehmenden treffen, indem der eine dieses Geräusch aufzeichnet, der andere jenes und sich dadurch verschiedene Orte ergeben.

reticon: Damit bewegst Du Dich in eine ganz andere Richtung, als der Wissenschaftsbetrieb und die Vernunftgesellschaft, die sich auf den Weg in die totale Aufklärung, die umfassende Vermessung und die Auflösung aller Geheimnisse gemacht hat. Dich interessieren dagegen die Unschärfen?
Udo Noll: Genau. Es gibt ein noch nicht ganz realisiertes Projekt, dass aus den aporee maps geboren worden ist, und noch im Werden begriffen ist. Es heißt die "Neurosen der Präzision". Und das greift genau ausgehend von der Karte und den Maps diese Dinge auf, also diese vermeintlichen Genauigkeiten und welche seltsamen Blüten diese hervorbringen. Eine Ausgangsgeschichte dieses Projektes ist eine Anekdote des Vermessungsoffiziers Helmert, der mit der preußischen Landvermessung unter Carl Friedrich Gauß zu tun hatte. Teilweise wurde bei diesen Vermessungen das Maß einer "Teusen" verwendet. Das ist nahe am Meter. Dieser Vermessungsoffizier stellte irgendwann fest, dass bei der Berechnung Preußens bei der Übersetzung von Teusen in das deutsche Meter in der fünften oder sechsten Nachkommastelle ein Umrechnungsfehler gemacht wurde. Nachdem man nachgerechnet hatte, kam man darauf, dass Preußen ein 50.000stel größer sei – die Fläche eines Gartens oder einer Terrasse. Helmert hat dann in einem Brief an seine Vorgesetzte angefragt, ob er dieses Land haben könnte. Das ist Landvermesserhumor! Ein Messfehler bringt hervor, dass Preußen eine Parzelle in Größe eines ausgedehnten Gartens größer ist. Ein Stück Land, das natürlich niemandem fehlt oder nirgendwo übrig ist – aber dennoch irgendwie existiert. Ein fantastisches Shangrila, ein Garten Eden: Nicht lokalisierbar aber vorhanden, geboren aus einem Messfehler. "Die Neurosen der Präzision" werden eine ausgedehnte Suche nach diesem ein 50.000stel übrig gebliebenen Territoriums.
reticon: Wenn man sich die Karte und die auf der Karte zu erkennenden roten, pulsierenden Punkte anschaut, erinnert das an den Film CONTACT, in dem Jodie Foster eine Wissenschaftlerin spielt, die nach Funksignalen aus dem All sucht. Als Kind sendet sie Funksprüche in den Raum, um zu sehen, wie weit sie kommt, von wem sie gehört wird. Antwortet ein anderer Funker, fragt sie nach dessen Standort und vermerkt diesen Ort auf einer Karte. Dadurch wird die objektive Karte von einer subjektiven Karte persönlich überwundener Distanzen überlagert. Ist radio aporee ::: maps etwas Ähnliches? Ein virtueller Raum, in dem Funker sich gegenseitig Nachrichten senden?
Udo Noll: Ja, der Ruf in das Dunkel, das Unbekannte hinein ist ja immer die Frage, ob da noch jemand ist und spiegelt die tiefe Sehnsucht nach Berührung, als der einzigen Möglichkeit sich seiner selbst zu vergewissern.
Manchmal hört man bei Aufnahmen Geräusche einer Bewegung, wenn jemand das Mikrophon hält oder ein atmet – auf jeden Fall eine Anwesenheit. Nur die besten Aufnahmen haben das nicht aber die sind dann auch merkwürdig steril. Also wie die Acoustic Ecology Leute, die mit 5,000$ Equipment aufnehmen. Für die wäre so eine Aufnahme mit Rascheln und Rauschen unbrauchbar. Aber im Rahmen der aporee-maps sind solche Aufnahmen, bei denen man hört, das jemand atmet, oder irgendeine Art von Anwesenheit, nachvollziehbar ist, sehr schön. Ich glaube, dieses Gefühl, mit was auch immer in Verbindung zu stehen oder die Idee der Möglichkeit, in Kontakt treten zu können, sehr bedeutsam ist.
Reticon: Wie umfangreich ist das Projekt?
Udo Noll: Wir sind knapp vor der 5,000. Aufnahme. Die Geschwindigkeit, in der das Projekt derzeit wächst, kann ich sehr gut bewältigen. Derzeit gibt es etwa 300 Aporisti, die ihre Aufnahmen hochladen. Ich habe mit allen mindestens einmal Kontakt gehabt. Zum Teil sind richtig gute Arbeitsbeziehungen entstanden.
Reticon: Welche Perspektiven gibt es auf technischer oder konzeptioneller Ebene?
Udo Noll: Ich denke das in den nächsten Jahren Internet und GPS im Mobiltelefon so normal sein werden, wie es heute Kameras sind. Ich habe vor einem Jahr in einem Laden nach GPS Handys gefragt. Damals gab es nur fünf Modelle. Letztens habe ich in demselben Laden nachgefragt und nun sind es 130! Da wird es interessant, weil mit GPS Handys sogenannte „loation based services“ möglich werden.
Ich finde, dass es sich lohnt, in diesen hybriden Räumen spielerisch Grundlagenforschung zu betreiben, bevor sie von Marketing, Werbung, Start Ups und Produktideen okkupiert und bevölkert werden. Mir geht es darum, diese Spielräume als Freiräume zu erhalten und damit auch die kleine Utopie, dass man in neuen Räumen eine Handlungs- und Bewegungsfreiheit hat und erhält – und nicht immer schon alles mit vorgegebenen Nutzungs- und Interaktionsformen zugestellt ist.
Weitere Informationen
www.aporee.org/maps
Im Rahmen des Kölner Architekturfestivals "plan09" präsentiert der "Kunstraum 22" die radio aporee ::: maps mit einer klingenden Fensterinstallation und einem vielfältigen Programm. Hinweise zum Programm bei radio aporee.
Siehe auch den reticon-report radio aporee ::: maps - die akustische Weltkarte
Carlos Manzoni