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Interview mit Nikolai Dördrechter

reticon-Report von Martin Ragg -- [16.07.2005]

Wir hatten auf reticon Im Rahmen der Berichterstattung über die AfD-Studie berichtet. Die Pressearbeit rund herum hatte bei uns zu "Verwirrungen" geführt.
Wir freuen uns, dass sich diese Verwirrungen in einem Interview mit Nikolai Dördrechter nun klären ließen.
reticon: In der Pressemitteilung für die Afd-Studie wird immer nur allgemein von der RWTH-Aachen gesprochen, wissen Sie, wer genau der Partner an der RWTH war?

Mit der Pressemitteilung bin ich alles andere als glücklich! Zur Aufklärung: Von Seiten der RWTH Aachen war ich beteiligt. Ich promoviere dort seit Mitte 2004 am WIN Lehrstuhl zum Thema „Konsum, Filesharing und Kopieren von Spielfilmen“. Von Seiten der P4M waren Herr Wolfgang Greipl und Herr Petur Agustsson beteiligt.

Was dann die Presse, insbesondere die dpa in Berlin, aus der Studie gemacht ist echt abenteuerlich. Da stand dann plötzlich etwas von Nachtsichtgeräten – das hat mit der AfD-Studie gar nichts zu tun und da hat auch während der ganzen Pressekonferenz niemand auch nur Ansatzweise drüber gesprochen. Auf Nachfrage bei der dpa wurde mir gesagt, daß man wisse, daß niemand über Nachtsichtgeräte gesprochen habe, daß sich der Text aber „so viel besser verkauft“. Noch Fragen? Da viele Redakteure sich auf dpa-Meldungen berufen, schreibt das dann mit einem Mal jeder…

reticon: Können Sie uns etwas zur Methodik, Durchführung und Analyse im Rahmen der Afd-Studie sagen?

Gerne, also: Gegenstand der Untersuchung waren alle Kinofilme mit Start in Deutschland im Zeitraum von Ende Oktober 2004 bis Mitte März 2005, insgesamt 165 an der Zahl. Dadurch, daß eine Totalerhebung durchgeführt wurde, hat man das komplette Größenspektrum an Filmen im Sample, also von Filmen mit < 10 Startkopien bis hin zu sehr großen Produktionen mit 500-1000 Startkopien.

Diese Filme wurden auf ihr Erscheinungsdatum in allen relevanten Online-Tauschbörsen untersucht. Nach Erscheinen wurde überprüft, woher Bild- und Tonmaterial kommen. Von Interesse war hier jeweils nur die deutsche Synchronisation. All diese Daten hat die P4M erhoben.

Im Anschluß daran wurden dann von mir Informationen wie offizieller Starttermin in den Kinos (Quelle: VdF), Anzahl Kinozuschauer am Eröffnungswochenende (Quelle: VdF), Anzahl Startkopien (Quelle: VdF), Genre und Herkunftsland (Quelle: IMDB, FFA, Filmstarts.de) ergänzt und der ganze Datensatz auf Plausibilität und Stimmigkeit untersucht. Insbesondere bei den Kinostarts muß man nämlich im Nachhinein prüfen, ob der Termin nicht noch verschoben wurde. Schließlich wurden die Daten ausgewertet und in Form einer PowerPoint-Präsentation aufbereitet.

Die Durchführung der Studie wurde einzig und allein durch meinen Zeiteinsatz und den der P4M „finanziert“. Daher war die Studie neutral. Es haben tatsächlich auch Journalisten geschrieben, daß die Studie von der Filmindustrie bezahlt wurde – das ist völliger Schwachsinn! Falls sich das einmal ändern sollte, das heißt, falls die Filmindustrie die Studie „kaufen“ will, wäre ich sicher nicht mehr dabei!

reticon: Ihre Dissertation ist jetzt im Anschluss an die Afd-Untersuchung, ist aber unabhängig davon?

 Wie schon gesagt, promoviere ich seit letztem Jahr in dem thematischen Umfeld. Der Zeitpunkt meiner Online-Umfrage war unabhängig von der AfD-Studie geplant. Das hätte theoretisch auch überschneidend stattfinden können.

Vielleicht noch einmal zum Hintergrund der AfD-Studie: Bei meinen Recherchen habe ich festgestellt, daß es eigentlich gar keine Fakten zum Thema Online-Filmpiraterie in Deutschland gibt. Dann habe ich bei einem der vielen Expertengespräche (die ich mit allen Beteiligten geführt habe, also mit Produzenten, Filmstudios, Verleihern, Kinobetreibern, DVD Handel, Pay-TV, Free TV, Technologie-Anbietern und natürlich auch mit „Filmpiraten“) die P4M kennengelernt und so kam es zur AfD-Studie.

 Und jetzt im Klartext: Meine Dissertation hat mit der AfD-Studie nichts zu tun!

 Jeder, der an der an meiner Online-Umfrage teilgenommen hat, sieht das auf den ersten Blick. Bei meinen Fragen ging es um etwas völlig anderes. Mit den Antworten auf meine Fragen hätte man keine einzige Aussage der AfD-Studie tätigen können!

 Habe auf meiner filmumfrage.de Seite unter „News“ noch einiges mehr dazu geschrieben.

 reticon: Gibt es nicht Seitens der Filmindustrie ein großes Interesse an Ihrer Forschungsarbeit?

 Ja und nein. An dem Thema gibt es natürlich einerseits ein großes Interesse, weil sich einfach noch niemand ernsthaft und unabhängig damit auseinandergesetzt hat. Aber genau darin liegt auch aus Sicht einiger Personen das große Risiko: „Unabhängig“ heißt nämlich, daß man vielleicht auch zu Erkenntnissen kommt, die nicht zwingend mit den bisherigen Maßnahmen gegen Filmpiraterie oder der verfolgten Kommunikationsstrategie übereinstimmen (mal vorsichtig formuliert)… Und daher wird man nicht nur mit „offenen Armen“ empfangen. 

Andererseits sind die Leute, die ich befragt habe, mittlerweile so „sensibilisiert“, daß man sich auch da auf einen nicht sehr freundlichen Empfang vorbereiten muß ;-) [Gruß an aschenkuddel, SubSeven & co]

 reticon: Welchen Schwerpunkt verfolgen Sie im Rahmen Ihrer Dissertation genau?

 Ich beschäftige mich mit den Gründen für den Konsum, das Filesharing und das Kopieren von Spielfilmen, genauer: Kinospielfilmen. Ich möchte gerne herausfinden, welche der vielen möglichen Gründe tatsächlich die wichtigsten sind und welche keine Rolle spielen.

So, ich hoffe, das konnte die Verwirrung beheben.
Erreichbar bin ich per Mail unter doerdrechter@win.rwth-aachen.de.

reticon: Vielen Dank für das Gespräch.

 

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Georg Simmel