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HitlerSpiegel

reticon-Report von Ralf Kellershohn -- [13.01.2008]

hitlerspiegel.jpg In seiner ersten Sendung in der ARD erklärte Harald Schmidt auf englisch unseren Nachbarn, dass Hitler tot sei und Deutschland nicht mehr nazistisch, auch wenn die Titelblätter der deutschen Zeitungen und Magazine einen anderen Eindruck vermittelten. Diese Klarstellung war nötig und ist es eigentlich alle 3-6 Wochen, da der schlimmste Chaplin-Bart der Geschichte regelmäßiger Titelgast ist, als das aktuelle politische Personal.

So steht z.B. auch der neue Spiegel-Titel fest und - Potzblitzkrieg! - es ist zur Abwechslung mal der Hitler Adolf auf dem Titel!

“Irgendwann auf dem Cover des Spiegels - wie Adolf Hitler” rappen K.I.Z. aus Berlin-Kreuzberg. In der Tat scheint es nur wenige Gewissheiten zu geben, aber Eine ist mit Sicherheit die, dass jede gefühlte zweite Ausgabe des Spiegel mit dem Aquarellisten aus Braunau aufmacht. Für die Herrenreiter des Spiegel scheint es nur zwei Titelformen zu geben: Hitler oder "irgendwas andres" - hauptsache, es lässt sich irgendwie mit einer nackten Frau darstellen.

"Sex und Hitler gehen immer"

Man kann sich dem Eindruck nicht entziehen, dass Nazi-Deutschland und der 2. Weltkrieg für den Spiegel ein publizistischer Glücksfall sind. Im Zweifel und bei Nachrichtenmangel gibt sich der Spiegel als Militariamagazin und begeistert mit aktuellen Topstorys über den Überfall auf Russland und macht die Leser zu kleinen Feldherren, die anhand zahlreicher Graphiken und Karten jedes Detail einzelner Truppenbewegungen, logistische Fragen der Nachschubversorgung und kriegstechnische Aspekte der Überlegenheit bestimmter Waffentypen nachvollziehen, als gäbe es im 21. Jahrhundert nicht andere interessante Themen, die Aufmerksamkeit verdienen. Dabei ist es wahrscheinlich einfache publizistische Logik, die da lautet: „Sex und Hitler gehen immer“ (Süddeutsche Zeitung).

Das Projekt "Spiegelstudien" hat die oft gelobten (warum eigentlich?) und in der Vergangenheit sogar museal ausgestellten Spiegel-Cover thematisch geordnet und verschafft auf diese Weise einen Überblick über zwei Dutzend Spiegel-Cover mit Adolf Hitler allein aus den Jahren 1994 bis 2004. (Quelle und Bild unten: tazblog)

Quelle: TazblogDabei ist dies nur ein Satellitenphänomen einer zuletzt dankenswerterweise etwas abgeflauten Dauerpräsenz der medialen Verwurstung und Verknoppung des Nationalsozialiszmus. Wenn einem nicht der Gefreite aus dem Wiener Obdachlosenasyl entgegengrüßt, sind es seine Generäle, seine Frauen, seine Architekten und früher oder später sicher auch sein Proktologe, Drogenberater und Friseur.

Man fragt sich, was an der Dauerdarstellung der umfassenden Durchdringung aller Aspekte des Alltags durch das nationalsozialistische Prinzip in immer neuen Filmen von Naziaufmärschen, Fackelzügen, Bücherverbrennungen zur Ergänzung unseres Geschichtsbildes, einer besseren Aufarbeitung und noch kritischeren Auseinandersetzung beitragen soll. Welchen Verarbeitungsmehrwert es haben soll, wenn 8mm Farbfilme ("Das Dritte Reich in Farbe", "Der Zweite Weltkrieg in Farbe") von Landsern bei der Rast im Gras gezeigt werden, wenn die SA tatsächlich in braun über die Mattscheibe marschiert und wenn wir noch eine Rede, noch ein Dokument, noch einen O-Ton hören.

Das Frankfurter Satire-Magazin Titanic hat, von der Art und Weise der spekulativen Geschichtsintepretation im Stile des was-wäre-wenn ("Counterfactual History") animiert, in einer Ausgabe imaginiert, wie ein Programmtag aussähe, wenn Guido Knopp ("gilt unter Historikern längst so viel wie Jürgen Fliege unter Bibelforschern") nicht nur Redaktionsleiter, sondern Programmdirektor des ZDF wäre.

Stellt man es sich in den Redaktionen tatsächlich so vor, dass jemand aus dem Sessel fällt und angesichts des 243193712937en Dokuments sagt „DAS hätte ich nie gedacht…man hat ja so einiges gehört, aber nachdem ich dieses Dokument gesehen habe, erwäge ich ernsthaft meine Holocaustleugnerschaft aufzugeben…zumal ... wenn man ditte mal in Farbe jesehn hat, wa?"

Die immergleiche Darstellungsdramaturgie (Verzerrte Geigen, wenn „ER“ auftaucht; ein darüber gelegter Christian Brückner, der entweder die Diabolik, das Unmenschliche benennt oder die Banalität des spießigen Kleinbürgeridylls auf dem Obersalzberg kommentiert und solchermaßen Hitler entweder als "das Böse" oder "das Banale" binden soll) ermüdet.

Pornographische Schau- und Zeigelust

Letztlich bedienen die unzähligen Dokumentationen einen vielfältigen Bedarf: den heutiger Anhänger der alten Ideologie nach Illuminierung und Ausstellung ihrer Idole; den der Opfer und Augenzeugen zur Gänze gehört zu werden sowie die Faszination der Mittelschicht für die Ausstellung aller Aspekte des nationalsozialistischen Prinzips. Denn das scheint das eigentlich Faszinierende zu sein und daher nehmen die Dokus auch kein Ende. Weil es immer noch einen Aspekt darzustellen gibt: Den Reichsarbeitsdienst, die HJ, die SA, die Kraft durch Freude Reisen, die Verstrickung verschiedenster gesellschaftlicher Infrastrukturen, usw.

Da eine Gesellschaft in ihrer Gesamtheit involviert und beteiligt war, gibt es unendlich Material. Scheinbar hat man sich das Ziel gesetzt, jedes vorhandene Stück Zelluloid in das bewährte Bricolage-Format aus O-Tönen, nachgestellten Szenen, Unterschriften leistenden Händen in Großaufnahmen, Original Bildmaterial und Augen- bzw. Zeitzeugenkommentaren, gerahmt durch die einordnenden Kommentare, die den Verdacht, hier würde eine pornographische Zeigelust bedient und nicht solide Aufarbeitung geleistet, mit klaren Worten, vorgetragen u.a. von der Stimme gewordenen Seriösität des Captain Picard/Robert Redford Synchonisationssprechers Rolf Schult, ausräumen.

"Gesprochen wird im ewigen Präsens der Sportberichterstattung, und die Erzählerstimmen kennt man aus dem Kino. Christian Brückner, die deutsche Stimme Robert De Niros, hat viele Knopp-Filme geprägt; die neue Serie spricht Robert Redford, Pardon!, sein Synchronisator Rolf Schult. Die Sprecherwahl suggeriert, dass unsere Vergangenheit nicht nur fürchterlich, sondern auch bedeutend sein muss, Lernstoff und allergrößtes Kino. So wird die deutsche Geschichte zu einer Welterzählung von Tragik, Verstrickung, Läuterung und Auferstehung." (Die Zeit)

Lärmendes Schweigen

So delirieren sich die Deutschen in einen völlig entfesselten Bildertaumel. Es ist die Wiederkehr des in der Adenauerzeit Verdrängten in der Totaldarstellung. Die Wiedergeburt der Verarbeitung aus dem Geiste der Pornographie und der Zerstreuung. Durch Totalabbildung und Alleszeigen wird der Schrecken gebannt. Das nie um einen Kommentar, eine, die richtige Rezeptionshaltung vermittelnde Musik verlegene Knopp-TV, härtet den Zuschauer durch aufbereitete Totalbebilderung ab. Es wird gezeigt, bebildert, ge-o-tont bis zur visuellen, akustischen, symbolischen Taubheit und Abstumpfung. Vorbei die Zeiten der Abstinenz, da man bestimmte Bilder, Namen, Begriffe mied und zusammenzuckte, sobald irgendwo ein HEIL HITLER zu hören war und ein Hakenkreuz an einer Wand als Schockgraphik funktionierte. Dies wird als notwendige Entdämonisierung verkauft.

Claude Lanzmann, Regisseur des berühmten, nur aus Zeitzeugen-Interviews bestehenden neunstündigen Dokumentarfilms „Shoah“ von 1985 sieht in einem solchen Vorgehen ein lärmend daherkommendes Schweigen: „Es gibt eine andere Form des Vergessens: den Wahn des Erinnerns, wie er heute wütet."

"Im ersten Film der neuen Serie, Der einsame Held (2. März, 20.15 Uhr) geht es um Georg Elser. Der härteste Satz, der darin über das deutsche Volk gesprochen wird, lautet: „Die Mehrheit der Deutschen lässt sich blenden.“ Wir haben begriffen: Das Knopp-Erinnern ist das schonendste Erinnern, das wir kriegen können. Wenn wir schon an die Vergangenheit gefesselt sind, dann bitte in den Wollfesseln des Guido Knopp. Man erinnert sich, um zu vergessen, lautet eine These Freuds. Da eine solche Strategie für die Deutschen nicht statthaft ist, wählen sie gern eine Art der Erinnerung, die dem Vergessen nahe kommt. Es ist die Erinnerung als Zerstreuung." (Die Zeit)

Nachdem Jahrzehnten des Wegschauens oder eines protestantisch-unsinnlichen theoretisch-intellektuellen Verarbeitens, durch Umschreiben, Benennen durch Auslassen, wird es nun sinnlich, farbig, konkret bis zur dramatisierten Reinszenierung aller möglichen und unmöglichen Aspekte der Naziwirklichkeit: Hitlers Helfer, Hitlers Redakteure, Hitlers Generäle, Hitlers Nichte, Hitlers Frauen, usw.

„Es ist, als habe ein Vergegenwärtigungs- und Veranschaulichungstaumel die Deutschen erfasst. Die Wahrheit ist: Wir wollen wissen, wie wir uns gefühlt hätten, wenn wir dabei mitgetan hätten, als alles so gekommen ist, wie es kam. Eine große Einfühlung in die Täter hat die Deutschen ergriffen, sei es nun eine schuldbewusste oder schuldvermeidende. [...] Den Deutschen im „Dritten Reich“ sind vor allem zwei Unterlassungen vorgeworfen worden: ihr Schweigen und ihr Wegsehen. Wie zur Kompensation dieses Umstandes schweigt das Knopp-TV nie, seine Passion ist das Betexten und das Hingucken. Verheerend ist, dass es den Knopp-Filmen die tumbe Bildlegenden-Sprache nie verschlägt, dass sie nie aus ihrem Magazin-Rhythmus fallen. Die Technik des Allesverbindens und Allesüberblendens führt zu einer Simulation von Zusammenhang, zu einem Geschichtsbewusstsein des Hörensagens, zur Zerstäubung aller Kausalität. Den Deutschen im „Dritten Reich“ wurde vorgeworfen, sie hätten aus Selbstschutz eine Lebensform des Halbwissens kultiviert. Aber verhält sich nicht geradezu komplementär zum Verdrängten und halb Gewussten der Nazizeit das raunend „Halbgeschehene“ der Knopp-Filme? Die Rekonstruktion ungesehener Vorgänge nach dem Schema von XY – Ungelöst?“ (Die Zeit)

Es gibt Internetseiten, auf denen in weißer Schrift auf weißen Grund zu Hauf Schlüsselbegriffe und Reizwörter (Sex! Gratis!) aufgelistet sind, um die Google-Roboter zu überlisten und Surfer auf die eigene Seite zu führen. Bei dem Gala-Konkurrenzblatt aus Hamburg mit den noch zu wenigen Bildern gibt es scheinbar ein ähnliches Prinzip und das heißt: Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, Hitler, ...

Rache für den geklauten Bart in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung
Ein Volk in der Zeitmaschine in der Online-Ausgabe der Zeit
Was wäre, wenn Guido Knopp Programmleiter des ZDF wäre? Titanic-Magazin

[Nachtrag, 29. Januar 2008: Der Spiegel macht Reklame]

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Sprüche & Zitate

Ach, man lernt, wenn man muss; man lernt, wenn man einen Ausweg will; man lernt rücksichtslos.

Franz Kafka