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Der herbeigeredete Internetwahlkampf

reticon-Report von Ralf Kellershohn -- [13.08.2009]

Alle in Politik und Journaille, die danach gefragt werden, singen das Lied vom bahnbrechenden Wahlkampf, den Barack Obama nicht zuletzt und insbesondere "im", "über" bzw. "durch" das Internet geführt habe und sind der Meinung, dass das nun auch in Deutschland so sein müsse.

Kajo Wasserhövel, SPD-Bundesgeschäftsführer und Chefwahlkämpfer der Partei, wird mit der Einschätzung zitiert, die Erfolge von Obamas Internetkampagne seien eine "bahnbrechende Geschichte" und ein "Quantensprung".
Entsprechend erklärte Wasserhövel den Wahlkampf im Internet zum "Herzstück der Kampagne".
CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla wiederum wird mit der kinetischen Analyse zitiert,
die Internetseiten seiner Partei seien "Startrampen für politisch Aktive".

Und in der Tat: Allerorten wurde auf den Internetpräsenzen der Parteien das Design aufpoliert (interessanterweise ist es ausgerechnet die FDP, deren Erscheinungsbild am altbackendsten wirkt, während SPD, CDU, Grüne und Die Linke sich mit schick gestalteten - wenn auch etwas überfrachteten - Startseiten und moderner Ikonographie präsentieren), Youtube-Channels eingerichtet, Filialen in studiVZ, Facebook und Twitter aufgemacht.

Screenshot SPD Webseite

Jedoch fällt bei allem behaupteten Modernismus auf, dass nach wie vor deutsche Behäbigkeit und pfälzische Ungelenkigkeit herrscht. So sehnsuchtsvoll man nach der Modernität und Coolness des amerikanischen Präsidenten schielt - es wird dabei vergessen, dass die Wirksamkeit der "Marke Obama" auf deren Geschlossenheit und Selbstübereinstimmung beruht: Hier stimmen Vision, inhaltliche Botschaft, Programm, Design, Sprache, Habitus und v.a. die Person überein. Obama glaubt man das Pathos ebenso wie die Lässigkeit. Es passt alles zusammen.

Dagegen schieben sich die deutschen Politiker vergleichsweise steif durch behäbige Video-Beiträge auf dem Niveau von ambitioniertem Lokalfernsehen. Wenn Frank-Walter Steinmeier in identischem Duktus über seine Musikvorlieben spricht, indem er internationale Krisen im Nahen Osten anspricht, darf bezweifelt werden, dass der Politiker als Mensch erkennbarer wird. "Es gehört schon dazu, dass man ein wenig was über sich selbst erzählt", sagt  Wasserhövel. Aber gut gemeint ist eben nicht gut.

Im US-Wahlkampf hielt das Obama Team eine dynamische Balance: Das abstrakte Konzept von "Change" luden sie einerseits emotional mit pathetischen Videos und ikonischen Bildern, ergreifenden Reden und ungewöhnlichen Aktionen symbolisch auf. Andererseits hielten sie das Konzept so vage, dass jeder Einzelne seine Wünschen, Vorstellungen und Erwartungen einspeisen konnte und gerade dadurch sich mit den Ideen der Kampagne verband.
Dieses Rezept setzte das Team auch nach dem Wahlkampf mit ungebremster Dynamik fort und drängte die Republikaner in die Defensive.

Im Kampf um die Gesundheitsreform wird wieder die Kombination zugehender und einbeziehender Informierung und aktivierender Emotionalisierung eingesetzt: Obama zieht durch das Land, um in Veranstaltungen die Menschen im direkten Gespräch zu gewinnen. Parallel werden rund um diese Bemühungen Videos, Blogposts, Webseiten, Infopakete für Nachbarschaftsveranstaltungen usw. verbreitet, um die Oberhand im Agendasetting zu behalten und die Menschen für sich zu gewinnen und zu Multiplikatoren zu machen.

Screenshot

Dagegen sind die deutschen Kampagnen ungelenke Kopien. In Deutschland wird - anders als in den USA oder Großbritannien - Politik eben nicht als Kommunikation (mit der Öffentlichkeit) verstanden, die also auch Kommunikatoren braucht, sondern - gemäß der Prägung des Oggersheimers - eher als kaum sichtbar zu machender (bzw. die Öffentlichkeit im Grunde auch gar nichts angehender) Prozess von Tischvorlagen, Gremiensitzungen, Telefonkonferenzen, Vorstandstreffen etc.

Wichtig ist eben "das, was hinten rauskommt". Das Volk hat vor geschlossenen Türen zu warten und darauf zu vertrauen (und dankbar zu sein), dass die Verantwortungsträger schon wissen werden, was sie tun. Die Struktur und das Wesen deutscher Parteien, wie sie die sich in ihnen bewegenden Personen zwingen, sich ihnen anzupassen und sich zu Sitzungstieren zu verwandeln, die in Hinterzimmergesprächen und geschlossenen Kreisen taktische Züge auskungeln, widerspricht der entscheidenden Dimension des Internet: Offenheit.

Es mag sein, dass auch bei Obama die Möglichkeiten Einzelner, Einfluss zu nehmen und umgekehrt der Anspruch, die Bürger einzubeziehen, an unüberwindliche quantitative Grenzen stößt - aber der formulierte Anspruch und die Versuche, dies zu tun, zeigt, dass ein anderes Verständnis am Werk ist. Über das Netz rief Obamas Team zu Nachbarschaftstreffen auf, in denen die Bürger die kommenden Themen der neuen Regierung besprechen - und an Obama zurückmelden sollten. Kaum hatte Barack Obama die Wahl gewonnen, wurde auch schon die neue Webseite www.change.gov eingerichtet, die die Übergangsphase mit all den Personalentscheidungen und thematischen Vorarbeiten dokumentieren und sichtbar machen sollte.

Anstatt stumpf blutarme Twitterkanäle oder dröge Youtube-Filme vom Charme von Baumarkt-Informationsvideos in die Welt zu setzen, sollten sich die Strategen die Zeit zu intensiver Analyse nehmen, die begreift, dass die Form etwas mit dem Inhalt zu tun hat - und umgekehrt und es entweder richtig machen oder sein lassen.

Zum Thema:

Die Internet-Lüge in der Online-Ausgabe der FTD
Wahlkampf mit Genosse Google
in der Online-Ausgabe der Zeit
Vergleich Obama-Kampagne und deutscher Internetwahlkampf bei netzpolitik.org
Wahlkampf 2.0: Von Obama lernen? bei heise

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