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Der adz-Kongress am Bodensee - neue Impulse für die Medienpädagogik?

reticon-Report von Tobias Hübner -- [11.10.2008]

reticon-Bild: screenshot_adz.jpgWeitgehend unbemerkt von der großen Öffentlichkeit (lediglich Christian Füller hat in der taz einen wie immer aufschlussreichen Artikel verfasst) fand am vergangenen Wochenende in Bregenz am Bodensee ein einzigartiger Bildungskongress mit ca. 1400 Teilnehmern statt, der auch der Medienpädagogik einen Platz einräumte. Organisiert wurde er vom noch jungen Archiv-der-Zukunft-Netzwerk, das mit seinen ca. 1.100 Mitgliedern eine Erneuerung der deutschsprachigen Bildungseinrichtungen anstrebt. Geschehen soll dies vor allem durch eine Vernetzung von Menschen, die ansonsten nur selten zusammenkommen. So trafen sich am Bodensee nicht nur Reformpädagogen und Schulgründer, sondern auch Hirnforscher, Architekten und Unternehmer. Über einhundert Referenten, unter denen sich auch illustre Persönlichkeiten wie Bernhard Bueb, Hartmut v. Hentig und Götz Werner befanden, gestalteten die vier Kongresstage vom 2. - 5. Oktober mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops.

Schon im beeindruckenden Einstiegsvortrag des Kinderarztes Remo Largo, dessen eigentliches Thema die enorme Vielfalt der Kinder in Bezug auf Größe, Motorik, Sprachgefühl und Sozialkompetenz etc. war, wurden der große Einfluss der Medien (neben der Familie und der Schule) betont. Sinnvolles Lernen kann nach Largo nur selbstbestimmt sein und das Drama der Schulen sei es, dass nur wenige Kinder ein Erfolgserlebnis haben - die meisten seien im Unterricht entweder über- oder unterfordert.

Wirklich vertieft wurde die Bedeutung der Neuen Medien jedoch erst in einem Vortrag von Ulrich Klotz, der bei der IG Metall für Forschung und Technologie zuständig ist und seit den siebziger Jahren in unterschiedlichsten Projekten u. a. nach einfachen Programmiermöglichkeiten von Computern in der Arbeitswelt forschte. Er sieht die Bedeutsamkeit des Computers in einer Reihe mit der Erfindung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks. Immer brauchte es eine lange Zeit, bis die Möglichkeiten des neuen Mediums ausgeschöpft wurden. Mönche lasen zunächst noch viele Jahre jedes gedruckte Buch Korrektur, so wie sie es bei den Handschriften gewöhnt waren und auch wir haben noch längst nicht erkannt, wie das Internet, insbesondere Web 2.0-Anwendungen und social software unsere Gesellschaft verändern. Ein Schwerpunkt des Vortrags lag in der Bedeutung der Open-Source-Programmierung, die die Frage aufwirft, wozu wir überhaupt noch Softwarekonzerne mit ihrer Bürokratie und ihrem Wissensmonopol benötigen.

Den Schritt hin zu einer Entkopplung von der Industrie hat die Open-Source-Gemeinde vor allem durch Offenheit und neue Ideen geschafft. Diese benötigt nun auch das Bildungswesen, das im Kern noch immer im auf fehlerlose Produktion ausgelegten Industriezeitalter verhaftet ist. Deshalb werden auch in der Schule Fehler noch immer bestraft statt sie als notwendige Bedingung des Lernens zu verstehen. Wir brauchen jedoch keine Fließbandarbeiter mehr; in Zukunft wird vor allem das wichtig, was den Menschen von der Maschine unterscheidet, also Kreativität und Innovation.

Auch Jean-Pol Martin, vielen bekannt als Erfinder des pädagogischen Konzepts „Lernen durch Lehren" (LDL), ging in einem engagierten Vortrag auf die Bedeutung des „Welthirns" Internet ein. In einer Skype-Konferenz mit Christian Spannagel wurde das Modell der „öffentlichen Wissenschaft" vorgestellt, das den Rückzug der Forscher in ihren Elfenbeinturm verhindern will und den Austausch sowohl mit Laien als auch mit Forscherkollegen sucht. Dies geschieht vor allem durch Blogs und Wikis, in denen versucht wird, kollektiv Wissen zu konstruieren. Darüber hinaus ist es ein Ziel von LDL, dem Schüler die Kontrolle über sein Leben zu geben und sein „Ressourcenpotential" zu erhöhen, wozu das Internet ein hervorragendes Medium ist. Provoziert hat Martin viele Anwesende durch seine Aussage, dem Datenschutz im Internet keine zu große Bedeutung zuzumessen. Er selbst sehe zunächst das enorme Potential, das in der Verbreitung und Diskussion der eigenen Ideen und Meinungen liege und weniger das Risiko, sich durch zu große Offenheit im Netz zu schaden, weshalb er auch seine Schülerinnen und Schüler dazu ermuntere, Web 2.0-Anwendungen zu nutzen und mit Inhalten zu füllen.

Dietmar Schade, Lehrer am Evangelisch Stiftischen Gymnasium in Gütersloh, stellte anhand eines Goethe-Schiller-Projekts in einer 8. Klasse vor, wie der Einsatz von Laptops eine größere Aktualität und Individualisierung des Unterrichts ermöglicht. Die Computer werden in der Laptopklasse (in der sich jedes Kind einen eigenen Laptop angeschafft hat) zur Informationssuche, als Schreibwerkzeug und Präsentationswerkzeug eingesetzt und ermöglichen es, dass im Unterricht erstellte Produkte jederzeit verfügbar sind. Ein großer Vorteil für den Deutschunterricht besteht darüber hinaus in der einfachen Überarbeitung und Verbesserung bereits geschriebener Texte. Diese werden dann nicht mehr als endgültig verstanden, sondern, so Schade, als zunehmend zu optimierendes Produkt.

Christian Grune, Gründer der Freien Schule Woltersdorf, ging auf Gemeinsamkeiten zwischen den Grundsätzen der Reformpädagogik und dem Einsatz Neuer Medien ein. Er möchte in seiner Schule ein angstfreies Verständnis digitaler Medien erreichen, u. a. durch den spielerischen Umgang mit interaktiver Software (z. B. „Scratch" vom MIT), die Integration von social software und neue Formen der Leistungsdokumentation durch ePortfolios. Die Aufgaben einer technologiebewussten Medienbildung sieht er darin, dass die Schule die Medienerfahrung der Kinder aufgreift und in den Unterricht integriert. So könnten neue Lernkulturen entstehen und damit auch die Gemeinschaft untereinander gestärkt werden.

Schulen, so wurde in der den Kongress abschließenden Diskussionsrunde betont, sollten die wichtigsten und würdigsten Orte einer Gesellschaft sein. Dazu gehört es, dass sich ein Lehrer die Frage stellt, wie er in seinem Unterricht einen Raum schaffen kann, in dem es herausfordernde Aufgaben ermöglichen, dass die Schüler Freude am Lernen entwickeln. Welche Rolle die Neuen Medien dabei spielen, konnte trotz dafür vorgesehener Veranstaltungen nicht ausführlich genug erläutert werden, da die meiste Zeit damit verbracht wurde, sich kennen zu lernen und Meinungen auszutauschen. Es bleibt zu hoffen, dass das Zusammentreffen führender Persönlichkeiten auf diesem Gebiet nicht folgenlos bleibt und spätestens auf dem nächsten Kongress ein konkretes Ergebnis bzw. eine Stellungnahme erarbeitet werden kann, die hilft, die Chancen der Neuen Medien in der Schule und anderen Bildungseinrichtungen besser erkennen und nutzen zu können. Ein erster Schritt ist der für den Kongress eingerichteten medienpädagogischen Blog, der auch als Austauschplattform für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer genutzt wird.

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Cicero