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Bildung gegen Jugendgewalt

reticon-Report von -- [10.01.2008]

Deutschland hat ein Bildungs- und Qualifizierungsproblem. Immer mehr Jugendliche (und infolge: Erwachsene) verfügen nicht in ausreichendem Maße über die grundlegenden Fähigkeiten, um am Wettbewerb um Arbeitsplätze teilnehmen zu können.

Die Defizite sind so grundlegend, dass auch viele Qualifizierungsangebote an ihnen vorbeigehen: Die Betroffenen können kaum lesen, schreiben, rechnen. Vier Millionen sogenannte funktionale Analphabeten gibt es Schätzungen zufolge in Deutschland. Erwachsene, die trotz absolvierter Schulpflicht nicht in der Lage sind, einen Zeitungsartikel zu verstehen, ein Formular auszufüllen oder einen Einkaufszettel zu schreiben. Auch fehlen die grundlegenden Fähigkeiten der Selbstdisziplinierung, um einer geregelten Arbeit nachgehen zu können.

Schavan1.jpgUm dem entgegenzuwirken hat die Bundesregierung nun ein Paket mit dem klingenden Titel "Aufstieg durch Bildung" beschlossen. In den kommenden drei Jahren will die Regierung 500 Millionen Euro in das ressortübergreifende Programm investieren. Beteiligt sind die Bundesministerien für Bildung und Forschung, für Arbeit und Soziales, für Wirtschaft und Technologie, für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und das Auswärtigen Amt. Koordiniert werden die Maßnahmen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Die Medienresonanz auf die Ankündigung war erstaunlich, wenn man bedenkt, wieviel Eisbären, Hillarys und Sarkozy/Bruni derzeit die Schlagzeilen dominieren.

Die Süddeutsche Zeitung fasst zusammen
: "Das Kabinett beschloss am Mittwoch unter dem Motto "Aufstieg durch Bildung" eine Qualifizierungsinitiative. [...] Die Bundesregierung kündigte an, Programme zur Wiedereingliederung von Schulverweigerern und zur pädagogischen Begleitung von Auszubildenden fortzusetzen und zu verstärken."

Zu diesem Programm gehört u.a. dass "Betriebe, die zusätzliche Ausbildungsplätze schaffen und diese mit besonders förderbedürftigen Altbewerbern besetzen, [...] einen Ausbildungsbonus [erhalten], dessen
Höhe von der Ausbildungsvergütung abhängt." und bis zu 6.000 Euro betragen kann.

Teure Kosmetik?

Betriebe werden also belohnt, wenn sie Jugendliche einstellen, die bislang keinen Ausbildungsplatz bekommen haben. Warum nicht? Jedoch werden mit der durch den finanziellen Anreiz verstärkten Einstellung von bislang als "nicht ausbildungsfähig" geltenden Jugendlichen die Ursachen nicht behoben, deretwegen Betriebe diese Jugendlichen bislang nicht ausbilden woll(t)en: Weil sie nicht (ausreichend) lesen, schreiben, rechnen können oder weil sie nicht über die grundlegenden Eigenschaften verfügen, die nötig sind, um in einen Arbeitsprozess, eine Angestelltengruppe integriert werden zu können: Morgens aufstehen, pünktlich an vereinbarten Orten erscheinen, zuverlässig Aufgaben selbständig durchführen usw.

Welcher Betrieb wird sich die Last aufbürden, die ein/e solche/r 16, 17, 18jährige/r darstellt, zumal wenn motivierte Jugendliche mit Haupt-, Realschulabschluss oder gar dem Abitur in der Tasche Schlange stehen?

Zudem: Die beschriebenen Schwierigkeiten werden durch eine Prämie für Ausbildungsbetriebe nicht gelöst. Wird ein Schreinermeister etwa den Bonus, den er für die Aufnahme schwer vermittelbarer Jugendlicher bekommt, in seine eigene Fortbildung zum Sozialarbeiter, Supervisor und Coach investieren? Wird das Geld in den Betrieben verwendet, um die Defizite der Jugendlichen zu beheben, oder kauft sich ein Betrieb von den 6.000 Eur die langersehnte sensorgesteuerte Kaffeemaschine?

So besteht die Gefahr, dass die Qualifizierungsintitiative sich als teuer bezahlte statistische Kosmetik entuppt.

Die finanziellen Anreize müssen mit konkreten Auflagen verbunden werden, die auf die Verbesserung der Ausbildungs- und Beschäftigungsfähigkeit der Jugendlichen zielen. Weiterhin müssen die Effekte der beschlossenen Maßnahmen überprüft werden. Im Alltagsgeschäft des Wettkampfs um Schlagzeilen und Medienpräsenz steht zu befürchten, dass die in einem oder zwei Jahren niemand mehr danach fragt, ob und wie die angekündigten Maßnahmen auch durchgeführt wurden, ob und wie sie gewirkt haben, ob es wirklich nachhaltige Politik oder nur eine Pressemitteilung und ein griffiger Slogan ("Aufstieg durch Bildung") waren, diedie findigen Mitarbeiter der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit zudem in den Kontext der Debatte um "Jugendgewalt" zu stellen vermochten.

Die in Ulm erscheinde Südwestpresse ist da skeptisch: "Die jetzt mit viel Getöse präsentierte Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung ist allerdings nicht mehr als eine Absichtserklärung, der konkrete Taten erst noch folgen müssen. Da wird manches im Kompetenzgerangel zwischen Bund, Ländern und Kommunen hängen bleiben, schließlich haben sich die Länder bei der Föderalismusreform I die alleinige Zuständigkeit für Schulen und Universitäten erstritten. Zudem erscheint der Finanzrahmen von rund 500 Millionen Euro für alle Maßnahmen nicht besonders ehrgeizig, wenn man den beträchtlichen Nachholbedarf auf dem Bildungssektor in Erinnerung ruft."

Weitere Informationen und Kommentare:

Die Qualifizierungsintiatve der Bundesregierung auf den Internetseiten des BMBF

"Alle jungen Erwachsenen brauchen die Perspektive für einen Berufsabschluss" Pressemitteilung des BMBF

Die Herbstoffensive in der Online-Ausgabe der TAZ

Bescheurte Projektabkürzungen Kommentar in der Online Ausgabe der Taz

Ein Bonus für die schwierigen Fälle in der FAZ

Jobs für 100.000 Jugendliche in der Süddeutschen Zeitung

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