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Warum Prezi die Präsentationswelt vielleicht revolutionieren aber das Elend schlechter Präsentationen nicht beheben wird

Warum Prezi die Präsentationswelt vielleicht revolutionieren aber das Elend schlechter Präsentationen nicht beheben wird

27.02.2010, (JS)

Über die neue Präsentations-Software Prezi® ist an anderer Stelle auf reticon ja bereits berichtet worden (Präsentieren und Organisieren mit Prezi). Das Prinzip, nach dem Prezi funktioniert, hat sich seitdem auch nicht maßgeblich geändert. Der Editor, mithilfe dessen die Anwender ihre Präsentationen gestalten, ist kürzlich überarbeitet und deutlich verbessert worden.

Außerdem gibt es inzwischen ein dreistufiges Preismodell mit einer Gratisversion für gelegentliche Nutzer, Einsteiger und „Ausprobierer" bis hin zur Version Prezi Pro für 159 $ mit mehr Speicherplatz auf dem Prezi-Server, der Möglichkeit, das Prezi-Logo aus den Präsentationen zu entfernen, einem Offline Editor und vielem mehr. 

Prezi hat definitiv das Zeug dazu, die Art, wie wir Inhalte präsentieren, zu revolutionieren. Vorbei der Zwang, seine Gedanken, Ideen und Konzepte in foliengerechte Häppchen aufteilen zu müssen. Vorbei die Zeiten, in denen sich die Struktur der eigenen Argumentation an den Möglichkeiten der Präsentationssoftware orientierte. Vorbei auch der rein sequenzielle Aufbau einer Präsentation, der das Hin- und Herspringen zwischen verschiedenen Inhalten erheblich erschwerte. Die Inhalte können nun beliebig  auf der Arbeitsfläche angeordnet werden, der Anwender ist völlig frei in der Definition der Abspielsequenz, das Navigieren innerhalb der Präsentation wird zum Erlebnis. Und außerdem sieht eine Prezi-Präsentation, selbst bei einem noch unerfahrenen Anwender, zumindest pfiffig aus.

Dennoch wird auch Prezi schlechte Präsentationen nicht verhindern können. Denn die Qualität einer Präsentation hängt nur am Rande von der verwendeten Software ab - auch mit PowerPoint® oder Keynote® lassen sich grandiose Präsentationen erstellen.  Das Problem sind die Anwender - also wir selbst. Von uns (und nur von uns) hängt ab, ob unsere Zuhörer nach vier Minuten der Sandmann besucht oder nicht. Es ist unsere Entscheidung, ob wir unsere Zuhörer quälen oder begeistern.  Glauben Sie nicht? Zwei Argumente von vielen:

Erstens: Das Elend schlechter Präsentationen gründet sich primär auf der beharrlichen Ignoranz vieler Präsentierer gegenüber den Erkenntnissen über die menschliche Wahrnehmung. Die allermeisten von uns können bedauerlicherweise nicht dem Vortragenden zuhören und zeitgleich Texte auf Folien lesen und verarbeiten. Es funktioniert nicht. Punkt. Der Folientext hält uns davon ab, dem Vortrag zu folgen, und der Vortrag stört uns beim Lesen. Und deshalb sind wir nach spätestens 10 Minuten erschöpft und frustriert und beschließen, Präsentationen für den Rest unseres Lebens doof zu finden. Aber es ist nicht die Schuld der Software. Sicherlich, die herkömmliche Präsentationssoftware lädt uns durch abenteuerliche Vorlagen geradezu dazu ein, unsere Folien wortreich zu gestalten, aber sie zwingt uns nicht dazu. Jedes der verfügbaren Programme erlaubt uns schon heute, eine Slideshow zu erstellen, die mit sinnvollen, schlicht gestalteten Grafiken und aussagefähiger Bildsprache den Zuhörern den emotionalen und intellektuellen Zugang zum gesprochenen Wort des Vortragenden erleichtet.

Wenn es der Anwender oder die Anwenderin nicht schafft, sich beim Umstieg auf Prezi von den liebgewordenen textlastigen Präsentationsinhalten zu verabschieden, dann wird damit das Grundübel schlechter Präsentationsvorträge bestehen bleiben. 

Zweitens: Prezi birgt mit seinen Möglichkeiten zur rasanten Navigation zwischen den verschiedenen Inhalten (Drehen, Kippen, Zoomen, ...) ein erhebliches Risiko, vor allem für den unerfahrenen Anwender. Wer sich hier zu sehr begeistern lässt davon, wie leicht sich professionell wirkende Animationseffekte gestalten lassen, der wird seine Zuhörer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit einer großzügigen Nutzung dieser Effekte quälen. Bei manchem Parforce-Ritt kann einem da auch schon einmal schwindelig werden vor lauter Drehen, Kippen und Zoomen. Es besteht die Gefahr, mehr durch die Animation als durch den Vortrag seine Zuhörer begeistern zu wollen.

Das erinnert Sie an etwas? Genau: Vermutlich an PowerPoint-Präsentationen von vor etwa zehn Jahren, als man seine Zuhörer noch mit den tollen Animationsmöglichkeiten, Soundeffekten („Hör mal, es applaudiert von selbst.") und unsinnigen Folienübergängen beeindrucken konnte („Schau mal, wie das da reinfliegt."). Diese Präsentationen haben uns genervt. Furchtbar genervt. Und auch deshalb fanden wir Präsentationen fortan doof.  Aber es war wiederum nicht die Schuld der Software, sondern die Schuld der Präsentierenden. Und Prezi wird auch dieses Problem nicht aus der Welt schaffen.

Prezi hat das Zeug dazu, die Art, wie wir präsentieren, im positiven Sinne völlig umzukrempeln. Prezi ist einfach zu bedienen, gratis bis günstig in der Anschaffung und bietet beinahe völlige Flexibilität bei der Sortierung und Darstellung unserer Gedanken. Es ist ein großartiges Werkzeug und die Erstellung von Präsentationen mit Prezi macht wirklich Spaß. Aber es verhindert eben leider nicht jene Fehler, mit denen wir schon bei früheren Präsentationen unsere Zuhörer gequält haben. Aber vielleicht ermuntert die neue Software ja den einen oder die andere, sich einmal damit auseinanderzusetzen, was eine gute Präsentation eigentlich ausmacht (Literaturempfehlungen dazu gibt es zum Beispiel hier: http://blog.kommunikationsportfolio.de/?p=85).

Dann wäre schon einiges gewonnen.

About

Jan Schumacher ist promovierter Volkswirt und Inhaber der Kommunikationsberatung KommunikationsPortfolio Dr. Jan Schumacher in Frankfurt (www.kommunikationsportfolio.de).

Auf seinem Blog informiert er regelmäßig über Neuigkeiten aus der Welt der Präsentationen: blog.kommunikationsportfolio.de.

 

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