Archiv reticon.de für die Jahre 2000-2012. Diese Webseite wird in dieser Form nicht mehr weitergepflegt und dient nur noch als Archiv für Recherchezwecke.

  Presse  reticon-Redakteure   Impressum   Datenschutz  
reticon Bildung und Neue Medien
reticon - Bildung und Neue Medien

Logo der Internet-Plattform spickmich.de, aus deren Pressebereich

spickmich - Zeugnisse für Lehrer haben bestanden

11.07.2007, (JA)

Noten für Lehrer sind Teil der freien Meinungsäußerung - die Zeugnisse der Internet-Plattform spickmich.de sind daher rechtens, so das Landgericht Köln. Es hob damit eine einstweilige Verfügung auf, die eine Lehrerin aus NRW gegen das "Schülernetzwerk" (spickmich über spickmich) erstritten hatte, die ihre Persönlichkeitsrechte durch die Bewertung verletzt sah. Sind Lehrer im Internet nun Freiwild oder sollen sie hier tatsächlich "fair und anonym" (O-Ton spickmich) Feedback von ihren Schülern bekommen?

Nein, die drei Kölner Studenten hatten mit spickmich keine neue Idee, wir berichteten schon häufiger von Plattformen, die neben sozialen Netzwerken der Bewertung von Menschen dienen sollen (z.B. meinprof.de). Aber natürlich ist jetzt auch spickmich.de wieder "die größte Lehrerbenotungsaktion aller Zeiten - demokratisch und fair" (Pressemitteilung spickmich).

Gerade die letzten Attribute - demokratisch und fair - bezweifeln einige Betroffene und eine Lehrerin aus Nordrhein-Westfalen sah ihre Persönlichkeitsrechte sogar derart verletzt, dass sie eine einstweilige Verfügung gegen die Internetplattform erstritt. Diese kassierte nun auf einen Widerspruch der Macher von spickmich hin das Landgericht Köln, denn: "Die Bewertung des Verhaltens und des Auftretens eines Lehrers kann nicht als bloße Diffamierung angesehen werden; sie entbehrt auch nicht des erforderlichen Sachbezugs". Die Bewertung sei im Gegenteil für die Einschätzung der Schule und der dort unterrichtenden Lehrer auch für andere Schüler von Bedeutung.

Noch ein kleiner Nachschlag, der uns nicht aus dem Kopf geht: Warum heißt die Plattform eigentlich spickmich? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...

Das Gericht wertet also die Bewertung von pädagogischer Arbeit als Meinungsäußerung, ganz entsprechend unzähliger Evaluationsbögen im Bereich z.B. der Erwachsenenbildung. Recht so! Aber dabei fragen wir uns genau wie bei den anderen Plattformen: Kann hier wirklich von Bewertungen gesprochen werden, wenn sich jede gültige E-Mail-Adresse beim System als angeblicher Schüler registrieren kann? Sind die schon über 150.000 Bewertungen (und damit die dahinter stehenden Nutzerprofile) echt? Und welche Maßstäbe liegen der Bewertung zugrunde? Viele Lehrer müssen sich über mehrere Jahre ein möglichst valides und reliables Bewertungsschema erarbeiten...

Ach, was soll's, das ist wohl zu hintergründig für ein so schnelles und dem Kommerz immer näher kommendes Medium wie das Internet. Hier geht es eher um eine aktive Community als um hochwertigen Content, hier geht es eher um schnelle Schelte als um elaborierte Evaluation. Schade nur, dass in Zeiten der Konkurrenz auch der Schulen eine kleine Gruppe von Nutzern mit einem solchen Internet-Portal durchaus über das Wohl oder Wehe einer ganzen Einrichtung mit mehreren hundert Schülern und teilweise auch Lehrern entscheiden kann. Ganz im Ernst, liebe Schüler, wenn wir Euch einen Rat geben dürfen: Mit Noten sollte man nicht spaßen - weder als Lehrer, noch als Schüler. 

Aktuelles Interview mit dem spickmich-Gründer bei der ARD:
http://www.ard.de/kultur/wissen/spickmich/-/id=420126/nid=420126/did=632120/phokio/index.html

Weitere Informationen:
http://www.lehrerfreund.de/in/schule/1s/lehrer-bewerten-spickmich
http://www.spickmich.de/download/PM_vom_11._Juli_2007.pdf

 

Informationen zum Artikel

blog comments powered by Disqus

Verwandte Reporte

  • Keine verwandten Reporte gefunden.

Sprüche & Zitate

Problematisch am Fernsehen ist nicht, daß es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, daß es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.

Neil Postman