Rezension von Marion Döbert für reticon zu dem Buch: Marie-Sabine Roger: Das Labyrinth der Wörter. Hoffmann und Campe, Hamburg 2010 (Originalausgabe: La tête en friche, 2008 Éditions du Rouergue)
Hauptprotagonisten dieser feinsinnigen und bewegenden Liebesgeschichte sind der scheinbar grobschlächtige Germain und die kultivierte ältere Dame Marguerite. Beide begegnen sich per Zufall im Park, wo Germain die Tauben beobachtet, benennt, kategorisiert und sich damit seinen Alltag vertreibt, wenn er nicht gerade seinen Garten bestellt, in dem er in einem Wohnwagen haust. Germain hat keinen Schulabschluss, kann nicht lesen und hat außer zu seinen Kneipenkumpeln kaum soziale Kontakte, bis auf die Besuche bei Annette. Hier kann er seine sexuellen Bedürfnisse ausleben, doch das Wort Liebe stammt für Germain aus einer anderen Welt. Bis zu der Begegnung mit der alten Dame, die sein Empfinden und Denken grundlegend verändern wird.
Über die Besuche im Park und die Faszination für die Tauben kommen Germain und Marguerite ins Gespräch und freunden sich an - trotz all ihrer Gegensätzlichkeit. Marguerite, promovierte Biologin und leidenschaftliche Leserin, will Germain das Buch „Die Pest" von Camus ausleihen. Als dieser ihr offen mitteilt, dass Lesen nicht sein Ding sei, beginnt sie, aus dem Buch und später aus vielen anderen vorzulesen. Germain hört ungläubig und gebannt zu, denn für ihn ist Lesen wie vor eine Mauer rennen: „Man versucht zwar, alles zusammenzufügen, aber es ist nichts zu machen: Die Wörter bleiben so durcheinander wie eine Handvoll Schrauben und Muttern in einer Blechdose." (S. 51). Einem staunenden Kind gleich verschlingt der Hüne die Worte der zarten Vorleserin. Er beginnt nach und nach, die Welten zu vergleichen, die der Romane und die seines Alltags. Mit vielen Fragen verändert sich sein Denken, aber erst recht gerät alles durcheinander, als ihm Marguerite eines Tages eine erschütternde Mitteilung macht.
„Das Labyrinth der Wörter" gehört zu den Büchern, die gleich am Stück verschlungen werden. Klug, derb, amüsant und herrlich philosophisch! Auch wenn die Umschlaggestaltung filigran romantisch daherkommt, ist dieses Buch auch Männern unbedingt zu empfehlen!
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