Nach anderen Bundesländern zieht nun auch Rheinland-Pfalz die Konsequenz und schafft die Hauptschule ab, bzw. lässt sie im Rahmen einer erweiterten Realschule ("Realschule plus") aufgehen. Bis zur siebten Klasse sollen alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam unterrichtet werden. Jugendliche, die auch nach dem neunten Schuljahr keinen Abschluss schaffen, sollen in einem zehnten Schuljahr die Gelegenheit haben, Versäumtes nachzuholen. Ziel sei auch die Verringerung der Zahl der Abgänger ohne Schulabschluss.
Die Hauptschule blutet aus. Sinkende Geburtenraten und entsprechend geringere Schülerzahlen, die fortschreitende Entwertung des Hauptschulabschlusses und das ramponierte Image einer "Restschule" und Bewahranstalt für sozial auffällige Kinder führen in den letzten Jahren dazu, dass diese Schulform an Bedeutung verliert. Nach anderen Bundesländern zieht nun auch Rheinland-Pfalz die Konsequenz und schafft die Hauptschule ab - bzw. etikettiert sie neu.
Vom Schuljahr 2009/2010 an gibt es in Rheinland-Pfalz neben dem Gymnasium und der Integrierten Gesamtschule die neue "Realschule Plus". Dies kündigte die rheinland-pfälzische Kultusministerin Doris Ahnen bei der Vorstellung der neuen Leitlinien für die Schulentwicklung an.
Die "Realschule Plus" biete unter ihrem Dach die beiden Schulformen "Kooperative Realschule" und "Regionale Schule" an, die zum Mittleren Schulabschluss und zum Abschluss der Berufsreife führen. Bei entsprechenden Voraussetzungen biete die "Realschule Plus" zudem die Fachhochschulreife an. Entscheidend sei innerhalb der neuen Schulordnung die "Durchlässigkeit nach oben".
Zusätzlich werde an ausgewählten "Realschulen Plus" das Projekt "Keiner ohne Abschluss" gestartet, kündigte Bildungsministerin Doris Ahnen an: „Wir wollen ein spezielles 10. Schuljahr für Schülerinnen und Schüler anbieten, die nach der 9. Klasse den Abschluss der Berufsreife noch nicht erreicht haben. Ziel des Projekts ist, dass die Abbrecherquote deutlich gesenkt wird.“
2006 lag die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss (inklusive der Förderschulabgänger) lag in Rheinland-Pfalz bei 7,7%.
Die neuen Leitlinien beinhalten auch die Auflage einer maximale Klassengröße von 25 Schülerinnen und Schülern. Für alle Schülerinnen und Schüler würden außerdem die Angebote zur Berufsorientierung ausgebaut und so der Übergang in die Berufsausbildung und in den Beruf verbessert. In diesem Zusammenhang solle auch der in Modellregionen gestartete wöchentliche Praxistag im Hauptschulbildungsgang flächendeckend eingeführt werden.
Lob und Kritik
Der Verband Bildung und Erziehung Rheinland-Pfalz (VEB) begrüßte den Beschluss des Kultusministeriums, forderte allerdings "ein neues inhaltliches Konzept entstehen, das die traditionellen Bildungsgänge endlich überwinde". "Eine folgerichtige Weiterentwicklung des bestehenden schulischen Abschluss-Systems wäre der Verzicht auf den Hauptschulabschluss und die Einführung des mittleren Bildungsabschlusses für alle Schülerinnen und Schüler.", erklärte der VEB.
Der Deutsche Lehrerverband kritisierte die Pläne von Ministerin Ahnen als "krasse Fehlentscheidung". Mit der Abschaffung der Hauptschule würden keineswegs die Hauptschüler und deren individuelle Förderbedürfnisse abgeschafft. "Die Alternative zur Hauptschule ist insofern nicht deren Abschaffung, sondern deren zeitgemäße Weiterentwicklung zu einer Schule mit hohen Praxisanteilen und mit höchstindividuellen Fördermaßnahmen. All diese Anforderungen gehen in einer mit der Realschule integrierten Schulform unter." so der Verband.
Die GEW Rheinland-Pfalz kritisierte, dass das Konzept zwar in die richtige Richtung weise, jedoch das Prinzip der frühen Auslese beibehalte. Das Konzept der Landesregierung ändert nichts daran, dass SchülerInnen nach wie vor mit 10 Jahren – und damit viel zu früh – auf unterschiedliche Schularten aufgeteilt werden, obwohl alle ernst zu nehmenden BildungswissenschaftlerInnen das zu frühe Aufteilen für eine wesentliche Ursache der mittelmäßigen Schülerleistungen in Deutschland halten,“ so der GEW-Landesvorsitzende Tilman Boehlkau.
Weitere Informationen
- Pressemitteilung des rheinland-pfälzischen Kultusministeriums
- "Konzept greift nicht weit genug" Stellungnahme des Verband Bildung und Erziehung Rheinland-Pfalz
- "Abschaffung der Hauptschule ist eine krasse Fehlentscheidung". Stellungnahme des Deutschen Lehrerverbandes
- "Konzept zur neuen Schulstruktur wird dem Anspruch an ein „gemeinsames längeres Lernen“ nur in Ansätzen gerecht“ Stellungnahme der GEW Rheinland-Pfalz
- Das Portal der Hauptschulen in Rheinland-Pfalz
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