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Literacy changes lives - Britische Studie zur gesellschaftlichen Bedeutung von Alphabetisierung und Grundbildung (Literacy)

Literacy changes lives - Britische Studie zur gesellschaftlichen Bedeutung von Alphabetisierung und Grundbildung (Literacy)

10.01.2010, (MD)

Der National Literacy Trust ist eine gemeinnützige britische Stiftung, die sich als Lobby-Verband für Alphabetisierung und Grundbildung in Familie, Schule und Gesellschaft einsetzt. In seiner Studie „Literacy Changes lives: An advocacy resource" aus dem Jahr 2008 werden die Daten von Langzeitstudien (Kohorten)  ausgewertet: die National Child Development Study (NCDS), die seit 1958 und die British Cohort Study, die seit 1970 läuft (BCS70). Auch Erkenntnisse anderer Untersuchungen (z.B. aus Schottland) wurden berücksichtigt.

Die Studie befasst sich mit den Auswirkungen von Literalität bzw. nicht ausreichender Literalität auf die folgenden Bereiche:

  • Ökonomischer Wohlstand
  • Aufstiegsbestrebungen/ Motivation
  • Familienleben
  • Gesundheit
  • Zivilbürgerliches Engagement

Die wichtigsten Ergebnisse:

Geringe schriftsprachliche Kompetenz geht einher mit sehr großer Wahrscheinlichkeit arbeitslos zu sein oder zu werden:

22% der Männer und 30% der Frauen unterhalb des Eingangslevel 2 leben in Arbeitslosen-Haushalten.

Auch wenn Arbeit in sehr jungen Jahren gefunden werden konnte, tritt bei niedrigem Literalitätslevel Arbeitslosigkeit im Alter von ca. 23 Jahren ein.

Geringes mathematisches/ rechnerisches Vermögen hat sogar noch einen stärkeren Einfluss auf diese Zusammenhänge.

Männer und Frauen unter Literalitätslevel 1 arbeiten am Arbeitsplatz seltener am PC und sind seltener vollbeschäftigt.

Geringer Alphabetisierungsgrad heißt also:

  • eher arbeitslos
  • eher geringes Lohnniveau
  • weniger Chancen auf Beförderung
  • geringe berufliche Aufstiegsbestrebungen.

Die Studie weist aber auch nach, dass bereits eine geringfügige Steigerung von Numeracy und Literacy  signifikante positive Auswirkungen auf Beschäftigung und Lohnhöhe hat. Die Wahrscheinlichkeit, vom Wohlfahrtssystem abhängig zu sein, sinkt von 19% auf 6%.

Weitere Ergebnisse:

Wer in der Schule Lernen nicht mochte, entwickelt Antipathie gegen Lernen schlechthin und beteiligt sich eher nicht an Weiterbildung. Geringer Literalitätsgrad geht einher mit mangelnder oder gänzlich fehlender Motivation zu Qualifizierung und beruflichem Aufstieg.

Eltern mit geringen Kompetenzleveln im Schriftsprachlichen und Rechnen erwarten von ihren Kindern, dass sie frühstmöglich die Schule verlassen, was sich widerspiegelt in den untersuchten 16-Jährigen, die so schnell wie möglich die Schule verlassen wollen.

Personen mit geringem Literalitätslevel leben eher allein und ohne Kinder. Isolation und geringer Kontakt sind die Folge.

Junge Frauen mit geringem Level tendieren dagegen dazu, sehr früh zu heiraten und früh mehr als 3 oder 4 Kinder zu bekommen.

Ehescheidungen kommen sehr viel häufiger vor als bei Personen mit hohem Literalitätslevel.

Leben in beengten Wohnverhältnissen ohne Zugang zu technologischer Ausstattung steht in engem Zusammenhang zu geringer Qualifikation.

Bei einem niedrigen Level sind eher beide Partner arbeitslos.

Die Menschen also, die am ehesten Bildung bräuchten, um ihr Leben verbessern und erleichtern zu können, die am ehesten ihre Kinder unterstützen müssten und die am ehesten Wohnraum für viele Kinder nötig hätten, haben gerade dies alles nicht.

Im Gesundheitsbereich zeigen sich ähnliche Zusammenhänge wie in der Amsterdamer Studie "Das stille Vermögen, eine Untersuchung über die gesellschaftlichen Kosten unzureichender Schriftsprachkompetenzen"  von Wim Groot und Henriette Maassen van den Brink (s. Rezension dazu von Döbert, reticon, 21.06.2007).Frauen mit geringem Literalitätslevel haben häufiger Langzeiterkrankungen. Es gibt enge Korrelationen  zwischen niedrigem Schriftsprach-Level und starkem Übergewicht sowie gesundheitsriskantem Verhalten wie Rauchen und Trinken. Die Wahrscheinlichkeit, depressiv zu werden, ist bei Frauen mit niedrigem Level fünfmal größer als bei Frauen mit guten Schriftsprachkompetenzen.

Personen mit geringem Literalitätslevel berichten sehr viel häufiger, sich absolut gar nicht für Politik zu interessieren, 42% der Männer und 50% bei den Frauen. Dies drückt sich auch in geringer bis gar keiner Beteiligung an Wahlen aus.

45% der Männer und 47% der Frauen mit niedrigem Literalitätslevel begegnen den Menschen in ihrem sozialen Umfeld  voller Misstrauen, und Menschen mit geringem Level sind viermal seltener Mitglieder in Organisationen/ Vereinen. Sie nehmen nicht aktiv am Leben ihrer Kommune teil.

Das positiv umgekehrte Resumé der Studie lautet schließlich:

Literalisierte Individuen schaffen literalisierte Familien, die wiederum einen Beitrag leisten zu literalisierten Kommunen und letztlich zu einer literalisierten Nation.

Die Studie liegt auf Englisch vor:

Zum vermeintlichen Zusammenhang von Literalität und Kriminalität liegt ein kritisches Diskussionspapier auf Englisch vor unter:

 

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