Wird Harry überleben? Er zieht als junger einfacher Mann in den Krieg und seine Feldpost gibt es als Blog. Vielleicht würde ihn kaum jemand beachten, nur: Harry wäre heute 159 Jahre alt, seine Briefe beschreiben die Greuel des Ersten Weltkriegs. Und sein Schicksal fesselt Zehntausende, von Kindern bis zu Senioren rund um den Erdball.
William Henry Bonser Lamin ist längst tot und doch wirkt seine Geschichte im Internet höchst lebendig. Seine Briefe von der Front, aus dem Schützengraben, an Freunde und Familie, sie lassen längst Vergangenes schrecklich nah erscheinen. Das Schicksal des unbedarften Jungen berührt die meisten stärker und persönlicher als manche Schilderung der Opferzahlen.
Die Schüler einer englischen Hauptschule hängen an den Lippen ihres Geschichtslehrers. "Viele der Soldaten waren nicht älter als ihr! Viele waren sogar jünger, die jüngsten waren gerade einmal dreizehn Jahre alt." Nach dem Unterricht gehen sie gespannt ins Internet, um den aktuellen Brief oder vielleicht einmal eine Postkarte von William Henry genannt Harry zu lesen. Die Post ist auf den Tag genau 90 Jahre unterwegs gewesen, bis der erwähnte englische Geschichtslehrer sie nun in Harrys "WW1"-Blog stellt als "Erfahrungen eines Englischen Soldaten".
Der Geschichtslehrer ist der Enkel von Harry, und die Briefe hat er auf dem Dachboden gefunden. Nun postet er sie teils als gescanntes Faksimile, teils aber auch transskribiert in ein mit Schwarz-Weiß-Foto und gediegener Zeitungsschrift gestaltetes Weblog auf altgelbem Hintergrund bei blogspot. Und so wird Geschichte lebendig, so wird eine längst vergangene Zeit greifbar fast wie die Gegenwart. Und obwohl die Herkunft, die Kindheit und die Einstellung des jungen Harry vielleicht antiquiert und weit entfernt sind: Seine Wünsche, seine Träume und seine alltäglichen Sorgen, Nöte und Freuden sind genauso aktuell wie damals und heute fast immer genauso denkbar. Das macht die besondere Faszination von Geschichte aus: Das Schicksal eines Menschen, der für Kinder fast schon unvorstellbar lange vor uns lebte und dennoch ähnlich denkt und fühlt wie wir.
Es sind aber eben nicht nur die Schüler der englischen Hauptschule, die an Harrys Zeilen hängen wie andere am letzten Potter-Roman: Zehntausende besuchen die Seiten regelmäßig, es gibt zahlreiche Kommentare und sogar viele Durchhalte- und Unterstützungswünsche. Und viele fragen: Wird Harry den Ersten Weltkrieg überleben? Sein Enkel schweigt dazu und postet weiter auf den Tag genau die Feldpost seines Großvaters. Und mit jedem weiteren Brief wissen alle Leser: Harry und seine Geschichte lebt!
Videobeitrag über das Blog des Englischen Soldaten bei tagesschau.de (Sendung vom 24.01.2008)
Blog WW1: Experiences of an English Soldier (bei blogspot.com)
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