Archiv reticon.de für die Jahre 2000-2012. Diese Webseite wird in dieser Form nicht mehr weitergepflegt und dient nur noch als Archiv für Recherchezwecke.

  Presse  reticon-Redakteure   Impressum   Datenschutz  
reticon Bildung und Neue Medien
reticon - Bildung und Neue Medien

Logo Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung

Forschung für Millionen - Fachtagung Bundesverband Alphabetisierung

29.10.2007, (RK)

Rund 250 Akteure der Alphabetisierung und Grundbildung trafen sich in Hamburg zur Fachtagung des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung (BVAG), um neue Projektvorhaben vorzustellen, aktuelle Fragestellungen zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen. Besonderer Schwerpunkt waren die durch die Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung in den nächsten Jahren startenden zahlreichen Projekte zu Forschung und Entwicklung in der Alphabetisierung.

Im Rahmen des Förderschwerpunkts "Forschungs- und Entwicklungsvorhaben im Bereich "Alphabetisierung / Grundbildung für Erwachsene" fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in den nächsten fünf Jahren 30 Verbundprojekte mit einem Volumen von 30 Millionen Euro.

Damit werden voraussichtlich insgesamt 27 Verbünde mit ca. 130 verschieden umfangreichen Einzelprojekten unterschiedlicher Dauer gefördert. An den Projekten sind insgesamt 21 Universitäten und wissenschaftliche Einrichtungen, 32 öffentliche Weiterbildungsträger (wie z. B. Deutscher Volkshochschul-Verband, Landesverbände der Volkshochschulen, einzelne Volkshochschulen, Berufskollegs u. a.), 56 private Weiterbildungsträger und Betriebe (mit Angeboten an betrieblicher Weiterbildung) sowie 10 Einrichtungen der Sozialpartner und kirchlichen Träger mit der Bearbeitung der verschiedenen Themen beteiligt.

Themen der Projekte sind "Grundlagen / Theoriebildung", "Effizienz von Beratung und Maßnahmen", "Grundbildung im Kontext von Wirtschaft und Arbeit", sowie der Bereich "Profession und Professionalisierung".

In mehreren Tagungs-Beiträgen wurde immer wieder betont, dass, so erfreulich die Vielzahl an Projektvorhaben sei, die eine Stärkung der Alphabetisierung und Grundbildung darstellten, die Sicherstellung der Nachhaltigkeit der Projektarbeit ebenso bedeutsam sei.

Am Beispiel der berufsbezogenen Bildung deklinierte Marion Döbert, Vorstandsmitglied vom BVAG, das projekttypische Leiden der Kurzlebigkeit und Redundanz eindrücklich durch. So wurden zwischen 1990 und 2007 immer wieder Projekte rund um die berufliche Bildung und Alphabetisierung mit nahezu identischem Ziel und Titel gefördert:

1981        Studie: „Über Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland“
1986        Projekt „Vermittlung elementarer Qualifikationen.“
1992        Projekt „Berufliche Bildung und Analphabetismus“
1997        Projekt „Netzwerk Grundqualifikationen“
1997        Projekt „Junge Menschen in der berufsorientierten Alphabetisierung“
1997        Projekt „Berufsorientierte Grundbildung für funktionale Analphabeten“
1999        Projekt „Entwicklung konzeptioneller Elemente einer berufsorientierten Alphabetisierung/ Grundbildung“
1999        Projekt „Junge Menschen in der berufsorientierten Alphabetisierung“
2007        Projekt „Grundbildung, Alphabetisierung, Wirtschaft und Arbeit“
2007        Projekt „Grundbildung in Wirtschaft und Arbeit“   

Das nicht aufeinander bezogene Nebenher thematisch ähnlicher Projekte und Vorhaben finde auf kommunaler, Bundesländer-, nationaler und auch internationaler Ebene statt, wo sich einzelne Gruppen und Institutionen zusammenfinden und Themen bearbeiteten, zu denen nicht selten schon hervoragende Ergebnisse aus anderen Projekten vorlägen, erklärte Marion Döbert. Entscheidend sei, dass sichergestellt werde, dass im kurzlebigen Projektgeschäft nicht das Rad immer wieder neu erfunden werde. "Es ist wichtig, dass entstehende Ergebnisse, Handreichungen und Materialien nicht im Nirwana des Internets als nicht mehr aktualisierte Datanbank-Leichen enden oder ungenutzt und nicht mehr weiterentwickelt in den Schubladen verschwinden.", so Döbert.

Kosten von Bildungsarmut: 7 Milliarden Euro jährlich

In einem eindrücklichen Vortrag stellte Dr. Peter Klös, Leiter des Bereichs "Bildungspolitik und Arbeitsmarktpolitik" vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, anhand der Daten von IALS, Pisa, dem Nationalen Bildungsbericht und anderer Statistiken den Zusammenhang von Faktoren wie Bildungsarmut, Arbeitslosigkeits- und Armutsrisiken dar.

"Wenn wir die Zusammenhänge von Bildungsarmut und Arbeitsmarktrisiken vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung, dass wir immer älter und immer weniger werden, betrachten, wird deutlich, dass wir es uns nicht leisten können, einen erheblichen Anteil der jungen Menschen aus dem Bildungssystem ohne oder mit zu geringen Kompetenzen ins Leben zu entlassen." Die Kosten für Bildungsinvestitionen würden so oder so anfallen, so Klös.

Es sei jedoch die Frage zu stellen, ob das Geld, dass man für nachträgliche Qualifizierungsmaßnahmen und Leistungen wie die Aufstockung von nicht ausreichendem Einkommen trotz Vollbeschäftigung usw. ausgibt, an der richtigen Stelle ausgegeben werde und nicht eine sinnvollere Investition mit höherer Rendite darstellten, wenn man die Entstehung von funktionalen Analphabetismus verhindere.

Berechnungen des IW Köln zufolge belaufen sich die Kosten magelhafter Effektivität und Effizienz des deutschen Schulsystems durch kaum verwertbare Schulabschlüsse auf 3,7 Milliarden Euro pro Jahr. Dazu kommen nochmals 3,4 Milliarden für die nachschulische "Reparatur" schulischer Defizite. Insgesamt also 7 Milliarden Euro jährlich. (Vgl. Helmut Klein "Direkte Kosten mangelnder Ausbildungsreife in Deutschland" in: IW Trends, 2005, Nr. 4)

Seine Empfehlung an den Bundesverband: Neben dem wichtigen Apell an der Her- und Sicherstellung von Partizipationsmöglichkeiten durch Bildungsgerechtigkeit, auch durch valide, wissenschaftliche Forschung und Beweisführung solcher gesellschafts-politisch und volkswirtschaftlich relevanter Faktoren, stichhaltige Forderungen an die Politik zu adressieren.

10 Jahre Bundesverband Alphabetisierung

Die Fachtagung bot auch den Rahmen für ein besonderes Jubiläum: Nachdem das Alfa-Telefon, das durch die bundesweit bekannten Werbespots beworbene Beratungstelefon des Bundesverbandes, im letzten Jahr sein 10jähriges Jubiläum gefeiert hatte, konnten die Mitglieder des Verbandes in diesem Jahr nun auch auf das zehnjährige Bestehen der Organisation anstoßen.

Grund zur Freude aber auch zu mahnenden Worten: "Auch heute noch arbeitet der Bundesverband ehrenamtlich. Die Möglichkeit der ", betonte Geschäftsführer Peter Hubertus. So wurde zum wiederholten Male auf die Dringlichkeit einer gesicherten, bundesweit agierenden Alphabetisierungs- und Grundbildungsagentur hingewiesen, wie sie in anderen Ländern, wie z.B. Frankreich, Irland, Großbritannien, usw. schon lange etabliert seien.

Einladung zur KMK

Eine sich wie ein roter Faden durch alle bislang fünf Fachtagungen des BVAG ziehende Frage, ist die nach dem Engagement der für die Weiter- und Erwachsenenbildung zuständigen Bundesländer. Die Förderaktivitäten des Bundes beziehen sich immer nur auf die Förderung zeitlich befristeter Modellprojekte. Jedoch sei die Lage in den Bundesländern höchst heterogen, weswegen die Rahmenbedignungen für das Kursangebot sehr unterschiedlich seien. "Seit 30 Jahren wartet der Bundesverband auf eine Einladung der KMK, um das Thema "Analphabetismus in Deutschland" einmal vorstellen zu können.", betonte Marion Döbert.

Birgitt Oelde vom hessischen Kultusministerium, die als Vertretering der KMK auf dem Podium zur abschließenden Diskussionsrunde Platz genommen hatte, nahm den Wunsch des Bundesverbandes, in der KMK vorstellen zu können, entgegen und sagte zu, sich in dieser Sache einzusetzen.

Lernerinnen und Lerner auf der Fachtagung

Eine Besonderheit stellte die Fachtagung insbesondere durch die Beteiligung von Lernerinnen und Lernern aus Alphabetisierungskursen und Online-Lernerinnen und -Lerner von ich-will-schreiben-lernen.de dar. In besonderen, an sie gerichteten Workshops und Veranstaltungen beteiligten sie sich rege an der Fachtagung, nutzten die Zeit sich untereinander und mit den Vertretern der Verbände, Organisationen und Volkshochschulen auszutauschen.

"Uns ist es besonders wichtig, den Lernerinnen und Lernern eine Möglichkeit zu geben, ihre Meinung und Wünsche zu äußern. Es soll nicht immer über die Betroffenen geredet werden, sondern mit ihnen.", sagt Elfriede Haller, Vorstandsmitglied des BVAG und Kursleiterin der VHS Ludwigshafen. "Auch ist es besonders wichtig, dass diejenigen, die in Forschungseinrichtungen, Instituten und Verbänden Projekte für und über die Alphabetisierung durchführen, immer wieder in Kontakt mit den Menschen kommen, um die es dabei geht."

Stellvertretend für alle Lernerinnen und Lerner berichtete Brigitte van der Velde aus Oldenburg von ihrem Weg zur Schrift, der sie von der ungelernten Fabrikarbeiterin, die kaum lesen und schreiben konnte über immer neue Rückschläge, Phasen der Arbeitslosigkeit und Verzweiflung zur Schrift und zur Anstellung als Verkäuferin führte - in der Schreibwarenabteilung eines Kaufhauses.

Weitere Informationen zur Fachtagung unter www.alphabetisierung.de

 

Informationen zum Artikel

blog comments powered by Disqus

Verwandte Reporte

Sprüche & Zitate

Mit sehenden Augen nicht sehen.

Matthäus 13,13