Archiv reticon.de für die Jahre 2000-2012. Diese Webseite wird in dieser Form nicht mehr weitergepflegt und dient nur noch als Archiv für Recherchezwecke.

  Presse  reticon-Redakteure   Impressum   Datenschutz  
reticon Bildung und Neue Medien
reticon - Bildung und Neue Medien

Deutsch-afghanische Beziehungen im Wandel der Zeit

Deutsch-afghanische Beziehungen im Wandel der Zeit

29.08.2009, (DR)

Woher kommt die besondere Nähe der deutsch-afghanischen Beziehung, mag man sich in Anbetracht der heutigen Situation und der wichtigen Rolle, die Deutschland beim Wiederaufbau Afghanistans spielt, fragen. Tatsächlich gibt es schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine enge Verbindung zwischen Deutschland und Afghanistan. Eine Delegation des Deutschen Kaiserreiches reist während des Ersten Weltkriegs nach Afghanistan, um Unterstützung gegen Britisch-Indien zu erhalten. Obwohl der damalige Herrscher Afghanistans ablehnt und sich für die Neutralität seines Landes stark macht, erkennt Deutschland Afghanistans Unabhängigkeit an, was für das zentralasiatische Land von großer Bedeutung ist.

Ab 1919 wird Afghanistan von einem Reformkönig regiert, der bei der umfangreichen Modernisierung seines Landes fast ausschließlich auf Deutschland als Partner vertraut. Es entsteht zunächst eine wirtschaftliche Beziehung, die sich zum Beispiel 1923 in der Gründung der Deutsch-Orientalischen Handelsgesellschaft AG widerspiegelt. Mit deutscher Unterstützung wird eine moderne Infrastruktur des Landes, unter anderem ein Straßennetz, aufgebaut. Doch neben einigen Staatsbesuchen weist nicht zuletzt der deutsch-afghanische Freundschaftsvertrag von 1929 auf ein zunehmendes gegenseitiges Vertrauen hin. Sogar während des Zweiten Weltkriegs reißen die Kontakte nicht ab: 1938 richtet die Lufthansa eine Flugverbindung Berlin-Kabul ein und das Deutsche Reich hilft bei der Bildung der afghanischen Luftwaffe. Dieser Aufbau geschieht natürlich nicht uneigennützig, Deutschland hofft auf Unterstützung, doch Afghanistan schafft es wie auch im Ersten Weltkrieg, neutral zu bleiben. Im Laufe der nächsten Jahre ist vor allem die bildungspolitische Zusammenarbeit beider Länder hervorzuheben. Bereits 1924 wird mit deutscher Unterstützung die Nejat-Oberrealschule in Kabul errichtet, an der bis in die achtziger Jahre deutsche Lehrer unterrichten. In der Folge studieren vermehrt Afghanen in Deutschland und so ergibt es sich, dass bis 1978, dem Jahr des kommunistischen Umsturzes in jeder afghanischen Regierung ein Minister sitzt, der entweder auf der Nejat-Oberrealschule war oder in Deutschland studierte. 1962 werden schließlich Partnerschaften zwischen den Universitäten von Bochum, Bonn, Köln und Kabul begründet, die sich in einem regen Austausch von Dozenten und Professoren und der Vergabe von Stipendien auszeichnen. Die achtziger Jahre liegen im Schatten des Afghanistan-Krieges. Was zunächst als Bürgerkrieg beginnt, weitet sich zunehmend aus und nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen, stellt die Bundesrepublik die Entwicklungszusammenarbeit schließlich ein. In den nächsten Jahren beschränkt sie sich auf den Einsatz humanitärer Hilfe und versucht Afghanistan zu unterstützen, in dem sie auf die Selbstbestimmung des afghanischen Volkes verweist. Nach dem Rückzug der sowjetischen Armee folgt ein weiterer Bürgerkrieg zwischen einzelnen Gruppierungen Afghanistans und die Talibanherrschaft, die schließlich durch den Einmarsch amerikanischer Truppen beendet wird.

Unterstützung heute
Nach dem jahrzehntelangen Krieg geht es seit 2001 um den Wiederaufbau Afghanistans. Hierbei spielt wiederum Deutschland eine führende Rolle und dank des über die Jahre aufgebauten Vertrauens findet die so genannte Afghanistan-Konferenz, die über das weitere Schicksal des Landes entscheiden soll, in Bonn auf dem Petersberg statt. Beteiligt sind, außer den Taliban, alle Gruppierungen des Landes. Die Konferenz beschließt, dass Afghanistan bis eine zivile Verwaltung und Ordnung wieder hergestellt ist, von einer Interimsverwaltung regiert wird. Deutschland stellt den größten Anteil der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe, die den Aufbau Afghanistans absichern soll. Aber das Engagement Deutschlands beschränkt sich nicht nur auf eine militärische Schutzfunktion, sondern umfasst zusätzlich zum Beispiel den Aufbau der afghanischen Polizei und ziviler Strukturen. Neben der Einrichtung eines Jusitzwesens, konzentriert sich Deutschland auf die Verbesserung der Trinkwasserversorgung und die Wiedererichtung von zwei Wasserkraftwerken, die für die Energieversorgung Kabuls wichtig sind. Daneben werden zerstörte Schulen wieder aufgebaut und neue Schulen, vor allem für Mädchen, eingerichtet. Die Beziehung zwischen Deutschland und Afghanistan wird aber nicht nur durch die staatliche Aufbauarbeit geprägt, sondern basiert auch längst auf privatem Engagement. So existieren diverse Vereine und Stiftungen, die sich dem Aufbau von Krankenstationen, Waisenhäusern und Wasserversorgungsanlagen verschrieben haben. Das Vertrauen eines überwiegenden Anteils der afghanischen Bevölkerung genießen aber sowohl staatliche als auch private Vertreter Deutschlands. Somit ist zu hoffen, dass es im Laufe der nächsten Jahre und nach Normalisierung der Lage wieder zu einem ausgeglicheneren Verhältnis beider Länder kommt, in dem die Aufbauhilfe nicht mehr die dominierende Rolle spielt, sondern auch der gegenseitige kulturelle Austausch im Mittelpunkt stehen kann.

 

Informationen zum Artikel

blog comments powered by Disqus

Verwandte Reporte

  • Keine verwandten Reporte gefunden.

Sprüche & Zitate

Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.

J. W. v. Goethe