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(Bild: bies/sxc.hu)

Deprimierendes Studium

03.07.2007, (RK)

Das Reflexion einhergeht mit Stimmungseintrübung, Melancholie oder Depression ist eine triviale Einsicht. Im Denken zerfällt die vorher als gegeben hingenommene Einheit von Welt und Selbst. Selbstverständliches erscheint fragwürdig, Verlässliches auf einmal unsicher. Internationale Studien zeigen: Die Selbstmordrate liegt bei Studierenden um einiges höher als bei Altersgenossen, die nicht studieren. In der jüngsten Ausgabe seines „DSW-Journal“ berichtet das Deutsche Studentenwerk (DSW), dass mehr Studierende unter Depressionen, Angstattacken, Versagensängsten, Schlafstörungen oder Magenkrämpfen litten.

Immer mehr Studenten leiden unter Burn-Out (N24), immer mehr Studenten leiden unter Burn-Out (Netzeitung) und Burn-Out-Syndrom unter Studierenden auf dem Vormarsch (Leipziger Volkszeitung) berichten die Medien heute.

"Der kleine Mann", der mit Studium v.a. den sprichwörtlichen Bummel- oder Gammelstudenten assoziiert, der auf dem Weg zur Frühschicht, die betrunken aus dem letzten Club heraustorkelnden Gestalten sieht, der die Magazine und Online-Beiträge der studentischen Mainstreamkultur begutachtet und sich nicht des Eindrucks erwehren kann, dass Fragen des Konsums, der Geschmackskultur und v.a. der Partnerschaft die größten Nöte dieses Milieus sind, mag sich wundern, wie jemand, der alle Rechte des Kindseins (von den Eltern bezahlter Unterhalt, Spiel und Spaß) genießt, ohne die Pflichten des Erwachsenenlebens in vollem Umfang tragen zu müssen, ein Burn Out-Syndrom entwickeln kann, noch bevor das burnen überhaupt erst richtig angefangen hat.

Dabei ist es keine neue Erkenntnis, dass Melancholie und geistige Arbeit eng miteinander verbunden scheinen. Der Soziologe Max Weber unterbrach seine Arbeit wegen Depressionen für Jahre. Aber neben einer depressiven Grundstimmung, einer Veranlagung zu Melancholie, Ängstlichkeit und geringem Selbstwertgefühl und den typischen Umbrüchen der Statuspassage von der Schule zum Studium, aus dem Elternhaus und dem Kindsein in den freieren und mehr selbstverantworteten Rahmen des studentischen Lebens, mag es auch an dem ganz spezifischen gesellschaftlichen Klima liegen, dass Depressionen insbesondere bei Studierenden befördert. Einem Klima, in dem erhöhte auf das Individuum konzentrierte Leistungserwartung einhergeht mit Unsicherheitseinschätzungen. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit hat nach jahrzehntelanger Krisenpropaganda nahezu alle gesellschaftlichen Schichten erreicht und durchdrungen. Kernerkenntnis der Shell Jugendstudie 1997 war, dass "die gesellschaftliche Krise" die Jugend erreicht habe. Die Angst vor Arbeitslosigkeit hatte Umweltängste (die vor dem Hintergrund der Eindrücke von Tschernobyl noch dominiert hatten) verdrängt. Selbst bei 14jährigen war die Sorge, unabhängig von eigenen Anstrengungen später von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein, enorm ausgeprägt. Das Gefühl von Ohnmacht und Ausgeliefertsein spiegelte sich auch in entsprechenden Symptomen wieder. Nervosität, Leistungsabfall, Konzentrationsmängel, Schlafstörungen - eine Liste, die Lehrerinnen und Lehrer als Symptome ihrer Schülerinnen und Schüler zunehmend nennen können.

Das in einem solchen Klima Studierende, die qua Hauptbeschäftigung auf Reflexion und das heißt auf das Überdenken von Zusammenhängen abgestellt sind, die nicht auf Ausführen, sondern auf Hinterfragen gegebener Bedingungen und Aufgaben ausgerichtet sind, deren Grundverfassung also Zweifel ist, empfindlicher und anfälliger für psychische Verstimmungen sind, liegt auf der Hand.

Die ärztlich-psychologischen Beratungsstelle für Studierende der Universität Göttingen berichtete schon 2004, dass bereits Anfang der 70er Jahre etwa 35 Prozent der ratsuchenden Studierenden an Depressionen litten. Inzwischen liege der Anteil bei knapp 60 Prozent. Laut einer von derselben Beratungsstelle 2004 abgeschlossenen Befragung hat auch das Thema "Suizid" bei Studierenden massiv zugenommen: 35 Prozent der Klienten gaben in der Befragung an, innerhalb der letzten sieben Tage den Gedanken gehabt zu haben, sich das Leben zu nehmen. 16 Prozent äußerten starke bis sehr starke Suizidgedanken.

So verwundert die Meldung des Deutschen Studentenwerks nicht, dass sich in den Psychologischen Beratungsstellen der Studentenwerke Studenten mit Beschwerden melden, die dem Formenkreis der Depression und des Burn Out zugerechnet werden. DSW-Präsident Prof. Dr. Rolf Dobischat spricht von einer „Besorgnis erregenden Entwicklung“. Einer Studie des Studentenwerks zufolge hat jeder siebte Studierende Beratungsbedarf zu depressiven Verstimmungen und Arbeits- und Konzentrationsschwierigkeiten.

Interessant wäre noch zu erfahren, ob und wie sich die Symptome hinsichtlich bestimmter Studienfächer zuordnen lassen. Die Vermutung liegt nahe, Depressionen überwiegend bei Studierenden geisteswisseschaftlicher Fächer zu erwarten. Hängt es doch, so die Annahme, wesentlich mit der Grundhaltung eines Menschen zusammen, wie er oder sie auf Krisenkommunikation reagiert: Mit Stagnation und Depression oder Motivation und Mobilmachung. So ist zu vermuten, dass (oje, Klischee), der grüblerische Philosoph eher zu weltabstinenter Depression neigt, als der auf gestaltendes Unternehmertum ausgerichtete BWLer.

Diese zwiegespaltene Reaktionsform (Rückzug und Kapitulation vs. Beschleunigung und Gestaltung) auf Krise lässt sich auch an den letzten SHELL Jugendstudien ablesen. Obwohl sich die äußeren Bedingungen, die Unsicherheiten nicht geändert, eher noch verschärft haben, führt dies nicht dazu, dass die individuellen Anstrengungen reduziert oder aufgegeben werden - im Gegenteil. Das Motto lautet - Ich habe keine Chance, also nutze ich sie. Es hat sich eine neue Mentalität bei den Jugendlichen etabliert, die sie 2002 noch als "pragmatische Generation" kennzeichnen ließ. Unabhängig von Werten und Grundüberzeugungen, verfolgten diese Jugendlichen v.a. das Projekt ihres persönlich biographischen Erfolgs innerhalb der Bezugspunkte: Beruf - Familie - Beziehung. Diese Pragmatiker sind unter den verschärften Bedingungen unter Druck geraten, erhalten ihre pragmatische, auf Anpassung und Lösung der Herausforderung für das individuelle Biographieprojekt ausgerichtete Haltung aber bei:

"Aufstieg statt Ausstieg“ bleibt die Devise der Jugendlichen. Sie suchen individuelle Wege und schaffen Strukturen, in denen sie weiterkommen können. Auch wenn ihre Aussichten ihnen vielleicht düsterer erscheinen als noch vor vier Jahren und die Rahmenbedingungen am Arbeitsmarkt den persönlichen Optimismus dämpfen: Sie lassen sich nicht entmutigen."

Je weniger sich der Einzelne hinsichtlich des biographischen Erfolgs auf institutionalisierten Stationen verlassen kann, sondern nur noch Einfluss über eigeninitiativ, pro-aktiven, planerisch-strategische Biographiearbeit hat, desto wahrscheinlicher wäre es, diese Anstrengungen zu unterlassen, da es - so könnte eine Schlussfolgerung sein - ohnehin nicht von den subjekiven Bemühungen, ja nicht einmal von den Erfolgen abhängt, ob man im Beruf oder Partnerschaft reüssiert. Diese Situation wird aber von den Pragmatikern (und die dürfen in bestimmten, mit einem bestimmten weltzugewandten, positiv-zupackenden, auf die Vorstellung von Gestalt- und Steuerbarkeit basierenden, Welt-, Menschen- und Selbstbild Studiengängen häufiger vermutet werden, als in hochreflexiven Studiengängen, die ihrer Verfassung nach auf Zweifel, Abwägen, nicht abschließender Reflexion abgestellt sind)
eben nicht als Signal zur Kapitaluation gewertet, sondern als Aufruf zur umfassenden Mobilmachung.

Auch wäre die Geschlechterverteilung bei der Anfälligkeit für Depression ein bedeutsamer Punkt. Es steht zu vermuten, dass überdurchschnittlich Männer betroffen sind, wird doch die Krise der (Arbeits)Gesellschaft, die Bedrohung der Erwerbsbeiographie, so die Vermutung, v.a. von Männern subjektiv biographisch rezipiert und tendenziell eher in Depression oder anderweitig deviantes Verhalten umgesetzt, als von Frauen (Siehe hierzu auch die Artikel "Das Leiden junger Männer" und "Das Leiden der jungen Mitte" in der Online-Ausgabe des Spiegel).

Die Redaktion Campus & Karriere des Deutschlandfunk berichtete schon vor drei Monaten über eine psychotherapeutische Beratungsstelle an der Universität Würzburg, die Tutoren und Hausmeister in den Wohnheimen mit einem speziellen Suizid-Präventionstraining schult, um Betroffenen frühzeitig zu helfen.

Der Beitrag Heikles Feld bei Campus & Karriere des Deutschlandfunks.

Ein sehr gutes Buch zum Thema ist Ulrich Horstmanns: Der lange Schatten der Melancholie. Versuch über ein angeschwärztes Gefühl. (Essen 1985)

(Quelle: PM)

 

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