Brockhaus stellt seine komplette, multimedial aufgerüstete "Brockhaus Enzyklopädie" ab 15. April frei ins Internet. Damit reagiert der Verlag auf Verluste von mehreren Millionen Euro in der Lexikonsparte. Gleichzeitig wird die 21. Auflage die Letzte des gedruckten Brockhaus sein, so behaupten es zumindest einige Medien.
Schon das Bundesministeriums für Bildung und Forschung hat mit an Leuchtturmuniverstitäten geförderten Elitewissenschaftlern in Rahmen von Top-Forschungsprojekten herausgefunden, dass die "vergleichsweise leichte Handhabbarkeit des World Wide Web durch
die Nutzer dazu geführt [hat], dass sich das Internet zu einem
Massenmedium entwickelt." (BMBF)
Diese Nachricht breitet sich nun wie ein Lauffeuer durch die öffentlichen Nachrichtenkanäle aus und hat offensichtlich auch die Entscheider beim Brockhaus erreicht. Diese verkünden: "Die Marktanalysen zeigen eindeutig, dass die Kunden künftig
Sachinformationen in erster Linie online nachschlagen werden."
Umsatzeinbrüche bei klassischen Nachschlagewerken
Tonnerwetter! Man kann sich die Sitzungen der Verlagsleitung ungefähr vorstellen. "Müller, Sie sind doch unter 50 und haben Kinder... was sagen die denn zu diesem ... äähhh Dings .. diesem Internet?" Doch im Ernst. "Der Traditionsverlag reagiert damit auch auf die Geschäftsentwicklung
bei den gedruckten klassischen Lexika. 2007 wurden die Umsatzziele
insbesondere im Segment der allgemeinen Lexika verfehlt." Es ist also weniger Innovationsfreude (das Internet ist nun ja auch schon ein paar Jahre alt), als vielmehr ökonomische Einsicht, die den Verlag zu diesem Schritt bewegt. Im letzten Absatz der Pressemitteilung zeichnen sich entsprechend Entlassungen ab:
"Die negative Umsatzentwicklung bei den klassischen A–Z-Nachschlagewerken und auch bei den digitalen Nachschlagewerken wie „Brockhaus multimedial“ wird sich weiter verstärken, und bereits im abgelaufenen Jahr sorgt diese Entwicklung für erhebliche Probleme beim Mannheimer Verlag. Zwar steht die Bilanz für das Jahr 2007 noch nicht fest, doch zeichnet sich ein Verlust in der Größenordnung von mehreren Millionen Euro ab. Die Verlagsleitung denkt deshalb über umfassende Kostensenkungsmaßnahmen nach." (PM)
Die neue Onlineplattform soll sich über Werbung finanzieren und somit für den Endnutzer kostenlos angeboten werden können. Damit steht der Brockhaus nun endlich in direkter Konkurrenz zur Wikipedia, was ein spannendes Duell ergeben dürfte. Beide Anbieter umgarnen dieselben Kunden im selben Medium und versuchen über ganz unterschiedliche Modelle Qualität und Finanzierung sicherzustellen.
"Offene Feldschlacht mit den Jüngern der Wikipedia-Philosophie"
Gleichzeitig soll für Schulen und Bildungseinrichtungen ein werbefreies Portal aufgebaut werden - schließlich gilt es auch die Kundenbindung qua Sozialisation möglichst früh zu starten. Hier muss Brockhaus verlorenen Boden wieder gut machen und sich in die "offene Feldschlacht mit den Jüngern der
Wikipedia-Philosophie" (Die Welt) begeben. An solchen Formulierungen und der Häufigkeit, mit der Begriffe wie "Tradition" oder "altehrwürdig" in Zusammenhang mit dem Sprung ins Internet verwendet werden, lässt sich die Tiefe des Grabens erahnen, der ältere Semester und ihr Dünkel gegen die vermeintliche Oberflächlichkeit und Unzuverlässigkeit des Internets von der Generation Laptop trennt.
Viele Schülerinnen und Schüler haben "den Brockhaus" nicht mehr als
Standard im elterlichen Buchregal kennengelernt, sind aber mit Wikipedia
(und also auch der selbstverständlichen Erfahrung, einen Dienst
kostenlos nutzen zu können) im Netz groß geworden. (Die Interpretation veränderter Kommunikations- und Autoritätsverhältnisse in deutschen Familien, bei denen Debatten am Abendbrottisch über Jahrzehnte damit beendet wurden, dass der Vater aufsteht, zum Brockhaus greift und die letzten Fragen beantwortet, nun aber der Steppke auch selber schnellsten Zugang zu aktuellstem internationalem Wissen hat, bleibt dabei den Kolumnisten überlassen.) Lehrer können ein Lied davon singen, dass für Schüler "Recherchieren"
zumeist gleichbedeutend mit "googlen" oder "Wikipedia" ist. Gegen diese
Marktmacht muss sich Brockhaus re-etablieren.
Wobei die Schule und die noch im Lichte eines klassischen Bildungsverständnis sozialisierten Lehrer als Sozialisationsagenten sicher
behilflich sein werden. Dabei nutzt Brockhaus hier auch die letzte Möglichkeit, auf dem Ticket traditionsorientierter Lehrer noch den Sprung ins Netz zu schaffen - eine zunehmende Zahl nachrückender Refrendare sind mittlerweile selber "Jünger der Wikipedia-Philosophie", die erst wieder für die Anerkennung einer Autorität zu gewinnen sind, die sie so selbst nicht erfahren haben.
10 Jahre das Internet intensiv beobachtet
Mit der Entscheidung, sein Angebot Online zur Verfügung zu stellen und die Gewinne nicht über den Endkunden zu erwirtschaften, sondern die Stärke der "Marke Brockhaus" zu nutzen, um die zu erwartenden Nutzerströme als werbewirksame Zielgruppe zu vermarkten, kommt Brockhaus reichlich spät. "Brockhaus hat den Wissensmarkt im Internet schon lange intensiv
beobachtet und sammelt seit über 10 Jahren fundierte Erfahrungen mit
kostenpflichtigen Angeboten im Internet.", heißt es in der Pressemitteilung.
Während Brockhaus noch beobachtete und als Verlag auf die Losung setzte, dass die Nutzung der eigenen Inhalte kostenpflichtig sein muss, hat Wikipedia Zeit gehabt, sich seit seinem Erscheinen zu etablieren, Kinderkrankheiten auszukurieren, an seiner Technik zu feilen und Spin Offs zu entwickeln.
Zudem sind in letzter Zeit im selben Markt weitere starke Konkurrenten erwachsen. So bietet "Spiegel Wissen" seit dieser Woche in Zusammenarbeit mit Wikipedia und der Bertelsmann-Tochter Wissen Media Group ein Portal, über das Lexikoneinträge, Artikel aus dem (ab sofort kostenfreien) Archiv von
SPIEGEL, SPIEGEL ONLINE, manager magazin, dazu Bilder und Videos recherchiert werden können.
Immerhin scheint Brockhaus den Schritt aufs digitale Eis nicht allein zu wagen - was vernünftig ist. Die FAZ berichtet, dass "der Online-Ableger der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ Partner für die Internetoffensive von Brockhaus" werde.
Man fragt sich, warum Brockhaus und andere Verlage 10 Jahre brauchen, zu begreifen, dass sie ihre Gewinne nicht beim Endkunden erwirtschaften, sondern mit dem Umstand, dass sie es schaffen, ein bestimmtes werberelevantes Publkum zu binden? Warum für etwas bezahlen, wenn es auch umsonst geht? Dieses Prinzip
steuert die Nutzerströme im Internet und entscheidet darüber, welcher
Online E-Mail-Dienst, Bilderdatenbank, Bilder-Sharing-Community oder
welches Nachrichten- oder Videoportal Erfolg hat.
Zeitungen, die versuchen mit
kostenpflichtigen Zugängen zu ihren Online-Archiven Kasse zu machen,
müssen reihenweise erfahren, dass das Prinzip, das am Zeitungskiosk
funktioniert, im Internet scheitert.
21. Ausgabe der letzte gedruckte Brockhaus
Das hat nicht allein
etwas mit dem Geiz der Internet-User zu tun, sondern mit dem Medium und
der mit ihm verbundenen spezifischen Nutzerkultur der unmittelbaren
Gratifikation: Wer im Internet etwas sucht, ein Bild, einen Artikel,
einen Service, hat selten Lust, mehrstufige Anmeldeverfahren zu durchlaufen und dabei auch noch
persönliche Daten einzugeben. Wer einen Service umsonst und
in einer einfach zugänglichen Weise anbietet, wird die meisten Nutzer
gewinnen - und daraus dann v.a. durch Online-Werbung Kapital schlagen
können.
Nun hat sich also der Brockhaus der Einsicht geöffnet, am Internet nicht vorbei zu kommen. Die entscheidendere Nachricht ist aber, dass die 21. Auflage der "Brockhaus Enzyklopädie"
voraussichtlich die letzte war: "ab jetzt findet alles online statt."
"Die 21. Auflage wird voraussichtlich die letzte sein", sagt Pressesprecher Klaus Holoch - aber wie heißt es so schön: "Sag niemals nie - wenn jetzt alle, die jammern, aber keinen Brockhaus mehr im Regal haben, doch noch einen kaufen - überlegen wir uns das vielleicht noch einmal". Der Focus des Verlags ist allerdings auf die Freischaltung des Portals am 15. April gerichtet. Die Umstellung ist für den Verlag gravierend und die Entscheidung nicht leicht gefallen.
Die Brockhaus-Redaktion in Leipzig wurde im vergangenen Jahr bereits in "eine reine Online-Redaktion" umgewandelt. Der Wandel zu einem reinen Online-Anbieter ist damit eine echte Zäsur. Stellte der Brockhaus-Verlag bei der Frankfurter Buchmesse vor zwei Jahren noch überdimensionale Bücher auf den Innenhof (und räumte für die rasend kreative Idee den red dot award 2006 für "communication design" ab), dürfte man "den Brockhaus" zukünftig im Pavillon der digitalen Anbieter wiederfinden.
Die Konkurrenz zur Schwarm-Intelligenz der Wikipedia kündigt sich schon
in einer Randbemerkung der Pressemitteilung des Brockhaus-Verlags an:
"Der aktuelle Schritt zum werbefinanzierten Modell ermöglicht es allen
Menschen, am relevanten, nicht manipulierbaren "Brockhaus-Wissen"
teilzuhaben." Arne Klempert, Geschäftsführer des Vereins Wikimedia Deutschland, zeigte sich Heise gegenüber gelassen. Die Modelle von Wikipedia und Brockhaus seien sehr unterschiedlich und ergänzten sich. Es sei zu begrüßen, dass mehr Menschen kostenfrei auf Wissensbestände zugreifen könnten.
(Quelle: PM Brockhaus Verlag)
[Bildnachweis: Produktfoto der Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG)
Zum Thema auch
- Pressemitteilung "Strategische Neuausrichtung bei Brockhaus"
- "zusätzliche Substanzen" Deutschlandfunk-Interview mit Brockhaus-Pressesprecher Klaus Holoch
- Abschied vom Bildungsbürgermöbel in der Online-Ausgabe der taz
- Goldschnitt ade in der Online-Ausgabe der Zeit
- Brockhaus-Wissen war Macht in der Online-Ausgabe der Financial Times Deutschland
- Selbstbedienungsladen ohne Kasse in der Online-Ausgabe der NZZ
- Zwischen Online-Handel und Lesesupermarkt Interview (2005) mit Matthias Ulmer vom Börsenverein des deutschen Buchhandels
- Der letzte Brockhaus in der Online-Ausgabe der FAZ
[Update, 14. Feb] Die Süddeutsche Zeitung widmet ihre komplette erste Seite des Feuilletons dem Thema "Brockhaus Online" - deutlicher kann man nicht machen, wie sehr das Ende der Printausgabe eines Symbols des Bildungsbürgertums als Zäsur und erstes deutlich erkennbares der letzten Rückzugsgefechte klassischer Verlagsarbeit (Dabei muss man nur Paolo Coelho auf der Konferenz Digital Life Style zuhören, wie er von seinem begeisterten und begeisternden Umgang mit dem Internet berichtet ("Internet is not a threat!"), um ein Beispiel für einen alternativ-offensiven Umgang mit dem Medium zu bekommen. Coelho bloggt, hat ein MySpace-Profil und eine von ihm selbst betriebene Webseite "Pirate Coelho", auf der er Links zu Raubkopien seiner eigenen Werke anbietet - und damit den Verkauf seiner Bücher antreibt!) auf deutschem Boden warhgenommen wird. - Herzen und Köpfe in der Online Ausgabe der Süddeutschen Zeitung
- Kulturelle Antimaterie von Andrian Kreye in der Online Ausgabe der Süddeutschen Zeitung
- Ziegelsteine unter Strom von Bernd Graff in der Online Ausgabe der Süddeutschen Zeitung
Informationen zum Artikel