Wir möchten an dieser Stelle an den Medienphilosophen Vilem Flusser erinnern. Wir zitieren einen Ausschnitt aus unserem reticon-Newsletter, das letzte Woche ein Special zu Vilem Flusser enthielt:
anlĂ€sslich des 10. Todestages am 27. November des Medienphilosophen Vilem Flusser bringen wir ein extra-reticon-Newsletter heraus. Wir möchten Ihnen ein klein wenig die Gedankenwelt Flussers nĂ€her bringen und haben Ihnen einige Informationen zu seinem Leben und Werk zusammengestellt. AuĂerdem geben wir Ihnen eine Ăbersicht, welche Informationen reticon zu Vilem Flusser bietet.
Biographisches
Vilem Flusser wurde am 12. Mai 1920 in Prag geboren. Seine Eltern kamen aus unterschiedlichen europĂ€ischen Richtungen des Judentums. 1939 wurde er aus der Prager Welt durch den Einmarsch der Nazis herausgerissen, sein Vater wird in Buchenwald, seine Mutter und seine Schwester werden in Auschwitz umgebracht. Vilem Flusser kann ĂŒber England mit Edith Barth, seiner spĂ€teren Frau, nach Brasilien fliehen. Dort ist er erst lange Jahre als GeschĂ€ftsmann im Unternehmen seines Schwiegervaters tĂ€tig, aber auch zu dieser Zeit schreibt er schon Essays und Artikel, z.B. als freier Korrespondent fĂŒr die
FAZ.
Flusser hatte schon in Prag angefangen zu studieren und setzt diese TĂ€tigkeit auch in Brasilien nebenher fort. 1959 wird er als Dozent fĂŒr Wissenschaftsphilosophie an die UniversitĂ€t SĂŁo Paulo berufen. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Sprachphilosophie und Kommunikation. 1973 siedelt er in die Provence ĂŒber, er wechselte die Jahre zuvor schon öfters zwischen den Kontinenten hin und her. Er hĂ€lt in dieser Zeit an unterschiedlichen UniversitĂ€ten in SĂŒdfrankreich Seminare und VortrĂ€ge. Mit seinem Lebensmittelpunkt in der Provence unternimmt er auch öfters Vortragsreisen in die Schweiz und nach Deutschland, schreibt Essays und Glossen fĂŒr schweizer und deutsche Zeitungen. 1991 erhĂ€lt er eine Gastprofessur an der Ruhr-UniversitĂ€t in Bochum.
Am 27. November 1991, nach einem Vortrag am Goethe-Institut in Prag, stirbt Vilem Flusser auf der Heimfahrt an den Folgen eines Verkehrsunfalls.
Vilem Flussers Theorie
Wir wollen erst gar nicht versuchen die Theorie Vilem Flussers komprimiert in ein Newsletter zu pressen, sondern möchten anhand eines Zitates Ihnen einen ersten Einblick in Flussers Welt zu geben:
"Das Denken vom Bett aus betrachtet
Man legt sich hin, um zu schlafen. Das so zu sagen, ist schon ein grammatikalischer Fehler. Man kann nicht schlafen wollen, sondern man fĂ€llt spontan in den Schlaf, wie in den Tod und die Liebe. Aber um hineinfallen zu können, muĂ man sich fallen lassen. Die indoeuropĂ€ischen Sprachen verfĂŒgen jedoch nicht ĂŒber jene grammatikalische Form, die zwischen aktiv und passiv liegt, um der Gelassenheit Ausdruck zu verleihen. Also: Man legt sich gelassen hin, um spontan in den Schlaf zu fallen. Der Schlaf merkt die Absicht, ist verstimmt, und versperrt sich. Wir liegen da auf dem Bett, unter dem Bett liegt der Schlaf, und die Bettbarriere bleibt geschlossen. Aber wir mĂŒssen schlafen. Wir wissen zwar nicht, warum wir dies mĂŒssen, aber wir wissen, daĂ wir dies mĂŒssen, und daĂ wir dieses MĂŒssen vergessen mĂŒssen, falls wir schlafen wollen. Wir haben Techniken entwickelt, um uns zum Fall in den Schlaf zu zwingen. Gelassenheitstechniken, zum Beispiel SchĂ€fchenzĂ€hlen. Wir hoffen dabei, daĂ der Schlaf nicht hinter unsere Technik kommt und sie fĂŒr echte Gelassenheit hinnimmt.
Aber das mit dem SchĂ€fchenzĂ€hlen ist eine gefĂ€hrliche Sache. Es kann nĂ€mlich faszinieren, und das Schlafenwollen vergessen lassen. Zuerst lasse ich meine SchĂ€fchen in Reih' und Glied vorbeimarschieren und zĂ€hle sie eins nach dem anderen. Aber sie scheinen von selbst Gruppen bilden zu wollen und mich dabei mit ihren Schafsaugen idiotisch-unschuldig anzusehen. Um sie zu zĂ€hlen, mĂŒĂte ich mich an die Mengentheorie erinnern. Dabei fĂ€llt mir ein, daĂ es Russel und Whitehead nicht eigentlich gelungen ist, Logik und Mathematik auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Und wie war das eigentlich damals, als Russel den Wittgenstein zu Frege schickte, um mit ihm ĂŒber die Möglichkeit eines PropositionskalkĂŒls zu reden? "
(Vilem Flusser, Zitat aus einer Kolumne fĂŒr das Telepolis Magazin des Heise Verlags)
Wenn Sie weiterlesen wollen: Sie erhalten die ganze Kolumne im Archiv des Telepolis Magazins unter
http://www.heise.de/tp/deutsch/kolumnen/flu/2144/1.html
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